Character im Porträt

Alisée de Tonnac

Weltreisende, Unternehmerin und
Start-up-Entdeckerin

Wer Alisée de Tonnac treffen möchte, muss beweglich sein. Denn die 30-jährige Französin ist nahezu permanent unterwegs. Ihr Unternehmen Seedstars World veranstaltet Wettbewerbe für Start-ups in Schwellenländern – um so die besten neuen Unternehmen aus Amman, Kapstadt oder Ulaanbaatar, aus Quito, Manila oder Addis Abeba zu entdecken und zu fördern. Seit fast fünf Jahren zickzackt die zierliche Frau inzwischen um den Globus. Bei einer seltenen Verschnaufpause in ihrer Wahlheimatstadt Genf ergab sich die Gelegenheit zum Gespräch.

Wahlheimat Genf: Alisée de Tonnac beim Gespräch in einem der drei Seedstars-Büros am Firmensitz in der Schweiz.

Frau de Tonnac, sind die Koffer für die nächste Reise schon gepackt?

Ja, aber ich bin inzwischen etwas weniger unterwegs als früher. In den nächsten paar Wochen stehen nur noch eine Reihe von Konferenzen in Europa, eine Reise nach Mexiko und eine nach Bahrain auf dem Programm.

Nur ist gut …

Früher war ich immer im Zweiwochentakt auf einem neuen Kontinent. Das ist ein wenig besser geworden, seit ich nicht mehr alle unsere Start-up-Wettbewerbe allein organisiere, sondern wir ein Team dafür haben.

Schon Ihre Kindheit war sehr international: Sie sind in Frankreich geboren, wuchsen aber in Singapur und im Silicon Valley auf. Wie kam es dazu?

Mein Vater arbeitete für einen französischen Konzern namens Gemplus (heute Gemalto) im Bereich Datensicherheit und seine Arbeit führte ihn und uns um die halbe Welt. Diese Internationalität hat auf uns Kinder abgefärbt: Meine Brüder gingen nach Stanford und Berkeley, meine Schwester nach Shanghai und ich nach Italien. Aber studiert haben wir kurioserweise alle in der Schweiz. Daran ist letztlich Tennis schuld (lacht) …

Wieso Tennis?

Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Tennisspieler, wirklich obsessiv – und die besten Plätze in Singapur gab es in einem Schweizer Tennisclub. Also hatten wir immer viele Schweizer Freunde. Und obwohl es unseren Eltern wichtig war, dass wir unsere französische Muttersprache behalten, haben sie uns, egal wo wir gelebt haben, nie auf die französische Schule geschickt, sondern immer auf eine internationale oder die normale örtliche Schule. Am Ende war die Schweiz durch ihre Mehrsprachigkeit wohl am besten für unsere internationale Familie geeignet und so sind alle Geschwister an einer dortigen Uni gelandet. Aber abgesehen davon sind wir alle sehr unterschiedliche Charaktere. Der Unternehmergeist ist bei meiner Schwester und mir ausgeprägter als bei unseren Brüdern.

Wem Ihrer Eltern ähneln Sie mehr?

Zum Glück habe ich von beiden etwas mitbekommen. Sie waren beide immer sehr offen und ehrlich mit uns und ließen uns sehr viele Freiheiten. Ich glaube, letztlich bin ich meinem Vater ähnlicher, zumindest in beruflicher Hinsicht. Er ist zwar selbst kein Firmengründer, bewegte sich aber in dieser Welt des Venture-Kapitals und der Internetökonomie. Meine Faszination für diese Welt stammt also von ihm.

Während Ihrer Kindheit und Jugend: Was waren Ihre Träume?

Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich keinerlei Ahnung, was aus mir werden sollte. Das Einzige, was ich hatte, war ein extremer Ehrgeiz, eine sehr gute Schülerin zu sein. Ich war eine ziemliche Streberin: hatte immer die besten Noten, machte bei vielen freiwilligen Aktivitäten mit, vom Debattierclub bis zur Schülervertretung. Ich setzte mich selbst unter einen immensen Druck, um einen perfekten Lebenslauf zu haben, anstatt herauszufinden, wer ich wirklich sein will und was ich mit meinem Leben anfangen, was ich lernen möchte.

Hoch hinaus: Alisée de Tonnac vor der Fontäne „Jet d’eau“, dem Wahrzeichen von Genf.

Alisée de Tonnac wird am 14.01.1988 in Frankreich geboren und wächst mit drei Geschwistern in Singapur und Kalifornien auf.
Nach einem exzellenten Schulabschluss und einem Management-Studium in Lausanne und Mailand arbeitet die
strebsame junge Frau für den Kosmetikkonzern L’Oréal und betreut dort die Luxusmarken Lancôme und Giorgio Armani.
2013 bricht sie ihre Konzernkarriere jedoch von heute auf morgen ab und gründet im Alter von 25 Jahren mit einem Partner
Seedstars World. Das Unternehmen, dessen CEO de Tonnac heute ist, veranstaltet Start-up-Wettbewerbe in
Schwellenländern und versucht, das dortige Ökosystem von jungen Digitalfirmen zu stärken. Die Sieger der Wettbewerbe erhalten
beispielsweise Investitionsgelder und Zugang zu einem weltweiten Netzwerk von Gründern und Kapitalgebern.
Wie viele Start-ups selbst vertrauen Alisée de Tonnac und Seedstars World dabei auf das Konzept des „Bootstrappings“:
Wenn sie um die Welt reist, um in Medellin, Chisinau oder Kiew jeweils zehn handverlesene örtliche Start-ups gegeneinander
antreten zu lassen, schläft die Französin statt in teuren Hotels in Privatunterkünften oder auf dem Boden von Co-Working-Büros.
Inzwischen ist die Gründerin auch als Vortragsrednerin sehr gefragt und auf internationalen Konferenzen vertreten.
Die wenigen Tage im Jahr, die sie nicht um die Welt reist, verbringt sie in Genf, wo sich auch das Hauptquartier von Seedstars
World und der Mutterfirma Seedstars befindet.

ICH WARF ALSO MEIN IDEAL VON EINEM „PERFEKTEN LEBENSLAUF“ WEG UND HÖRTE AUF, MEINE FREUNDE, MEINE KARRIERE UND ALLES ANDERE DANACH AUSZUWÄHLEN.

Durch Ihren guten Lebenslauf bekamen Sie nach der Universität aber immerhin sofort einen hoch dotierten Job beim Kosmetikhersteller L'Oréal. Was haben Sie dort gemacht?

Es war mir wichtig, unmittelbar nach meinem Studium bei einem großen Konzern
anzufangen. Also war ich begeistert und stolz, als ich ein Angebot von L’Oréal
bekam: Ich würde direkt nach der Uni nach Mailand ziehen und dort als Produktmanagerin die Luxusmarken Lancôme und Giorgio Armani betreuen. Ein Traum! Zwei intensive Jahre lang blieb ich dort. Ich lernte sehr viel – es war der Beginn einer klassischen Konzernkarriere. Aber dann kam ein Moment, in dem alles begann zu zerbröckeln und ich meine Lebensentscheidungen zum ersten Mal komplett infrage stellte.

Können Sie diesen Moment beschreiben?

Ich saß mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Kantine und sie begannen allen Ernstes, über ihre Rente zu sprechen. Das waren Leute, die so wie ich Anfang oder Mitte zwanzig waren – aber sie berechneten ernsthaft, wie viele Jahre sie noch bis zum Ruhestand warten müssten. Das schnürte mir die Kehle zu, weil ich nie der Ansicht war, dass das Leben oder die Zeit für die eigenen Leidenschaften und Hobbys erst mit der Rente anfängt.

Und deshalb stellten Sie plötzlich Ihre ganze Entscheidung, Ihren ganzen Lebensweg infrage?

Nicht nur wegen dieses einen Erlebnisses. Es kamen natürlich mehrere Dinge zusammen. Aber ja, das tat ich. Und wenn man plötzlich merkt, dass man der Mensch, der man gerade ist, nicht wirklich sein möchte, dann dreht sich einem der Magen um. Denn dann kommt man auch zu der Erkenntnis, dass man die Person, die man ist, nicht sonderlich mag. Ich warf also mein Ideal von einem „perfekten Lebenslauf“ weg und hörte auf, meine Freunde, meine Karriere und alles andere danach auszuwählen. Das war alles andere als einfach, aber es hat mir letztlich sehr gutgetan – weil ich endlich begonnen habe, mich zu fragen, wie ich meine Zeit verbringen will, mit wem und zu welchem Zweck.

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Damals waren Sie 23. Wie sahen die Antworten auf diese Fragen, wie sah der Neuanfang aus?

Ich hatte das Glück, auf einer Party in Lausanne Pierre-Alain Masson kennenzulernen …

… einen Entrepreneur, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Start-up-Schmiede Seedstars gegründet hatte.

Er erzählte mir, er plane eine Weltreise, um Start-up-Gründer in Schwellenländern
kennenzulernen. Ich war sofort fasziniert davon, wie hundertprozentig sicher er sich war, dass er das auch durchziehen würde. Das war kein Geschwafel, keine vage Idee, wie ich es von anderen und oft auch von mir selbst kannte. Das war Realität. Und ich wollte, dass es auch meine Realität wird. Also fragte ich, ob ich mitkommen könnte. Gemeinsam erarbeiteten wir das Konzept, aus dem später Seedstars World wurde, unser Start-up-Wettbewerb. Kein halbes Jahr nach dem Gespräch auf der Party stieg ich mit einem Rucksack und 20 Flugtickets in 20 verschiedene Länder in der Tasche in einen Flieger nach Moskau, wo unser erster Wettbewerb stattfinden sollte. Von dort ging es immer weiter, von einem Land ins nächste, von einem Kontinent zum anderen.

Wie lange waren Sie gemeinsam unterwegs?

Neun Monate ohne Pause. Bis heute ist es unsere Philosophie, auf Reisen nicht in Hotels abzusteigen, sondern per Couchsurfing zu übernachten oder anderweitig bei Einheimischen zu wohnen. Damals war es die reine Geldnot, die uns dazu gebracht hat. Aber inzwischen wissen wir: Es ist der beste Weg, um ein Land kennenzulernen, die Gründer zu treffen und zu verstehen, wie das Leben dort funktioniert.

Was waren andere Eindrücke, die Sie von der Reise zurückbrachten?

Unzählige. Ich kannte von den 20 Ländern, die wir besuchten, vorher nur zwei oder
drei – und selbst diese nahm ich vollkommen anders wahr, als wir bei Einheimischen wohnten und mit diesen zusammenarbeiteten. All meine Vorurteile, die ich über die verschiedenen Länder hatte, fielen weg. Ein Aha-Moment nach dem anderen! Ich werde oft gefragt, welches meine Lieblingsländer sind, aber es ist unglaublich schwer, das zu entscheiden. Wir haben in jedem Land einzigartige Erfahrungen gemacht und hatten das Privileg, überall Menschen zu treffen, die die jeweilige Region verändern wollen. Am meisten war ich vielleicht von der Schönheit Ruandas und der Hilfsbereitschaft der Menschen dort beeindruckt. Die Gastfreundschaft der Menschen in Russland war auch fantastisch. In China war es auch toll, aber es war auch unglaublich schwierig, sich zu verständigen. Selbst Gesten halfen nicht mehr weiter. Wir waren komplett verloren.

SEEDSTARS WORLD … IST EINE SCHWEIZER UNTERNEHMENSGRUPPE, DIE ES SICH ZUR AUFGABE GEMACHT HAT, DAS LEBEN DER MENSCHEN IN SCHWELLENLÄNDERN DURCH TECHNOLOGIE UND UNTERNEHMERTUM ZU VERBESSERN.

Wie laufen diese Wettbewerbe ab, die Sie seitdem auf der ganzen Welt organisieren?

Seedstars World ist ein Teil der Seedstars-Gruppe. Das ist eine Schweizer Unternehmensgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben der Menschen in Schwellenländern durch Technologie und Unternehmertum zu verbessern. Dazu vernetzen wir die verschiedenen Stakeholder in diesen Ländern, bauen gemeinsam mit öffentlichen und privaten Partnern Firmen auf und investieren in schnell wachsende Start-ups. Seedstars World und die Wettbewerbe sind für uns ein wichtiger Weg, ein weltweites Netzwerk aufzubauen. Wir sind momentan in 85 Städten vertreten, von Baku bis Teheran, von Nairobi bis Odessa.

Was gibt es zu gewinnen?

Der weltweite Gewinner erhält ein Investment von bis zu einer Million von Seedstars und anderen Investoren. Aber auch für alle anderen lohnt es sich: Wir haben zahlreiche Spartenpreise, zum Beispiel für das beste Energie-, Gesundheits- oder Bildungs-Startup. Diese werden meist von Unternehmen aus der jeweiligen Branche gesponsort. Die Preise können Investments oder Stipendien sein, in manchen Fällen Kooperationsvereinbarungen mit dem Unternehmen.

Zusätzlich zu den Wettbewerben bauen Sie in den verschiedenen Regionen auch noch Gründerzentren auf. Kürzlich haben Sie dafür ein Jahr im nigerianischen Lagos gelebt. Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Wir waren zuerst einmal überwältigt von den Möglichkeiten, die sich dort bieten. Dort leben beinahe 20 Millionen Menschen und es gibt ein unglaubliches Potenzial und einen unglaublichen Bedarf. Wir waren zu dritt dort, hatten jeden Tag 20 Ideen, welche Unternehmen man gründen und welche Dienstleistungen man anbieten könnte. Es war aufregend, selbst Start-ups aus dem Nichts aufzubauen.

Stets verbunden: Ob im Genfer Café Chou (unten) oder unterwegs (rechts) – Alisée de Tonnac ist nur sehr selten offline.

Was haben Sie gelernt, als Sie dort gelebt haben – über das Land, aber vielleicht auch über sich selbst?

Ich habe gelernt, dass manche Institutionen vielleicht wertvoller sind, als ich das in meinem europäischen Leben gedacht hätte. Ich hatte zum Beispiel immer das Gefühl, dass Versicherungen eigentlich nur Geld von mir wollen. Aber als ich dann in Nigeria war, wo es kein funktionierendes Versicherungssystem gab, habe ich gemerkt, wie wichtig solche Dinge sind, wenn es darum geht, eine stabile Gesellschaft aufzubauen. Ich fand es aber auch beeindruckend, wie einfallsreich die Menschen sind und wie sie Wege finden, diese Strukturen zu ersetzen. Zum Beispiel, indem sie sich in Gruppen zusammenschließen, die sich gegenseitig absichern oder unterstützen.

Verpassen wir Europäer etwas, wenn wir Länder wie Nigeria nur durch die Brille der Kriminalität und Korruption betrachten? Wenn uns beim Thema Afrika als Erstes Hungersnot und Völkermord einfallen?

Auf jeden Fall! Ich bin froh, dass ich mich diesen ganzen Klischees in den letzten Jahren so lange ausgesetzt habe, bis sie aus meinem Kopf verschwunden sind. Damit sage ich nicht, dass es keine Probleme gibt: Die Taten der Terrorgruppe Boko Haram und die Hungersnöte im Norden von Nigeria beispielsweise sind furchtbar. Aber wenn wir das ganze Land zur No-go-Area erklären und von der wirtschaftlichen Landkarte streichen, schaden wir ihm und seinen Bewohnern damit nur noch mehr. Diese Länder haben so viel zu bieten!

Sie könnten ja die flexiblere Start-up- Welt trotzdem mit der Lebensqualität und dem Komfort der schönen Stadt Genf verbinden, oder?

Manchmal denke ich tatsächlich darüber nach, wie viel einfacher alles wäre, wenn ich dauerhaft hier leben könnte. Aber sobald ich dann wirklich mal länger als ein paar Tage hier bin, werde ich nervös. Ich merke dann, dass ich es mir bequem mache. Und ich habe vor nichts so viel Angst wie davor, es mir bequem zu machen.

Warum?

Weil ich merke, dass ich dann anfange, mir über belanglose Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Ich ärgere mich, wenn mein Wochenende nicht exakt nach Plan läuft. Oder ich werde im Restaurant ungeduldig, wenn das Essen zehn Minuten zu spät kommt. Das sind Angewohnheiten, die ich unterwegs deutlich weniger ausgeprägt habe, aber in die ich zu Hause sehr schnell reinrutsche. Das Tolle am Reisen ist, dass ich dabei ständig neuen Dingen ausgesetzt bin und oft vor neuen Herausforderungen stehe, die es mir nicht erlauben, Zeit und Energie für den unwichtigen Kram zu vergeuden.

Essenzielles Accessoire: Alisée de Tonnac beim Spaziergang durch ihre Heimatstadt. Auch auf Reisen darf der Schal nie fehlen.

Gibt es – abgesehen vom Pass, dem Smartphone und solchen Dingen – eine Sache, die diese bessere Version Ihres Ichs auf Reisen immer dabeihat?

Ich muss immer einen großen Schal dabeihaben, in den ich mich im Flugzeug einwickeln kann. Sonst habe ich Angst, krank zu werden. Und das kann ich unterwegs nicht gebrauchen. Ansonsten versuche ich einfach nur, mein Gepäck zu minimieren, damit ich immer mit Handgepäck durchkomme und nichts einchecken muss. Egal, wie lange ich unterwegs bin.

Stimmt es eigentlich, dass Sie sich Ihr wahrscheinlichstes Todesdatum haben berechnen lassen?

Das stimmt tatsächlich: Wenn mich kein Bus überfährt und kein Allheilmittel gegen das Altern erfunden wird, ist mein wahrscheinlichster Todestag der 11. Mai 2077. Ich habe dieses Datum in einer Präsentation verwendet, um das Publikum aufzurütteln. Und um klarzumachen, dass für uns alle die Zeit begrenzt ist und dass deshalb jeder Tag zählt. Dass es einen Unterschied macht, womit ich den heutigen Tag verbringe, weil ich keine endlose Menge davon zur Verfügung habe.

Interview: Christoph Koch Fotos: Marc Krause Ausgabe: Character 12

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