Character im Porträt

Christine Thürmer

Langstreckenwanderin, Buchautorin und Vortragsrednerin

An einem grauen Wintertag hat Christine Thürmer ihren Rucksack im Kirchlein im Grünen abgestellt. Draußen fällt Nieselregen auf die Hunderte Jahre alten Linden der ehemaligen Gutskapelle in der Uckermarck. Thürmers Hände sind von der Kälte gerötet. Sie ist dennoch bester Laune – als Langstreckenwanderin ist sie schlechtes Wetter gewohnt.

In der Uckermark, umgeben von Wald, ist Deutschlands bekannteste Langstreckenwanderin in ihrem Element. Die Managerin sanierte erfolgreich Firmen, bis sie im Alter von 36 Jahren auf eine mehr als 4.000 Kilometer lange Wanderung durch die USA ging. Unter freiem Himmel verlor die Karriere ihren Reiz: Seit 2007 hat Thürmer keinen Fuß mehr in ein Büro gesetzt. Ihre Bilanz: 35.000 Kilometer gewandert, 30.000 Kilometer Rad gefahren, 6.000 Kilometer gepaddelt – und dabei zutiefst zufrieden.
Ihre nur 6 Kilogramm schwere Ausrüstung erlaubt Christine Thürmer ein Leben unter freiem Himmel. Dass sie freiwillig auf die meisten Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichtet, macht die 49-Jährige nahezu unabhängig. Darüber, wo sie als Nächstes hinreist, entscheidet Thürmer anhand der aktuellen Devisenkurse. Gerade ist sie aus Ungarn zurück, will nun für einige Monate Station in Berlin machen, um ihr zweites Buch zu schreiben. Was sie aber nicht davon abhält, zumindest tageweise das Weite zu suchen. So wie heute.

Frau Thürmer, warum haben Sie ausgerechnet das Kirchlein im Grünen als Treffpunkt vorgeschlagen?

Ich habe hier mal einen fürchterlichen Regenguss ausgesessen, der mich auf einer Wanderung durch die Uckermark überraschte. Das Kirchlein ist mir gut in Erinnerung geblieben, weil es aus Fachwerk ist und einen blauen Holzturm hat. Sonst sieht man in Brandenburg vor allem Kirchen aus Back- oder Feldsteinen.

Ihnen geht es also mehr um ein Dach über dem Kopf als um geistigen Beistand?

Mein Leben unterwegs wird von vier Dingen bestimmt: Wasser, Proviant, Wärme – also Kleidung oder Schlafsack – und Wetterschutz. Wenn ich in Europa unterwegs bin, steuere ich deshalb regelmäßig Kirchen an. Meistens, um dort Mittagspause zu machen. Kirchen sind bei Regen trocken und bei Hitze kühl. Es gibt dort fast immer eine Steckdose, an der ich mein Handy aufladen kann, und vor der Tür einen Friedhof mit einem Wasserhahn.

Essen Sie in der Kirche dann auch zu Mittag?

Ich versuche, draußen zu kochen, aber bei sehr schlechtem Wetter habe ich das auch schon drinnen getan. Meist bin ich dort ja alleine. Nur einmal befand sich die einzige Steckdose in der Aussegnungshalle, wo eine Leiche aufgebahrt lag. Die Besucher mögen sich über das herumliegende Handy gewundert haben. Aber ich habe mir keine Sorgen gemacht. Menschen, die in Kirchen gehen, klauen keine Handys.

Sie begannen 2004 mit dem Langstreckenwandern. Wie sah Ihr Leben damals aus?

Ich war Managerin, saß täglich zwischen 10 und 12 Stunden im Büro. Es war kein Zwang. Ich wollte das so. Mir war früh klar, dass ich ein möglichst unabhängiges Leben führen möchte. Ich sagte mir: Wenn schon arbeiten, dann finanziell auch alles dabei rausholen. Meine Karriere bot mir genau das. Und die Arbeit war auch inhaltlich interessant. Die meisten Menschen streben nach Harmonie und Sicherheit. Ich empfinde Konflikte eher als Herausforderung: Wenn andere zurückweichen, stürze ich mich rein. Deswegen bin ich in der Unternehmenssanierung gelandet.

Was hat Sie dann mit 36 Jahren bewogen, auf dem Pacific Crest Trail, dem PCT, von Mexiko nach Kanada zu laufen?

Zu meinem Job gehörte es, Arbeitsplätze zu streichen. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ich 2004 selbst gekündigt wurde. Ich stand vor der Frage: Was mache ich als Nächstes? Ich wanderte damals schon viel, ging lieber campen als ins Hotel. In Kalifornien hatte ich beim Zelten eine Gruppe Langstreckenwanderer, sogenannte Thru-Hiker, kennengelernt, die auf dem PCT unterwegs waren. Etwa zur gleichen Zeit erlitt mein guter Freund Bernd, ein erfolgreicher Architekt, einen Schlaganfall und landete im Pflegeheim. Mit 46 Jahren, ohne Aussicht auf Heilung. Meine Besuche bei ihm führten mir vor Augen, dass Zeit meine wichtigste Ressource ist. Lebenszeit lässt sich nicht vermehren. Ich begann, mich intensiv mit dem Thema Langstreckenwandern zu beschäftigen. Als Bernd nach einem weiteren Schlaganfall starb, packte ich meine Sachen und flog in die USA.

Mein Leben unterwegs wird von vier Dingen bestimmt: Wasser, Proviant, Wärme – also Kleidung oder Schlafsack – und Wetterschutz.

Der Pacific Crest Trail ist 4.277 Kilometer lang. Um ihn am Stück zu bewältigen, muss man fünf Monate einplanen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Unsportlich wie ich war, hatte ich mir anfangs wenige Chancen ausgerechnet. Bis mir klar wurde: Effizienz und Logistik sind entscheidend für den Erfolg. Damit kannte ich mich hervorragend aus. Ich recherchierte die Adressen und Öffnungszeiten aller Supermärkte, Outdoorläden und Postämter entlang des Wegs, erstellte Excel-Tabellen und schrieb Logistikkonzepte, um das Rucksackgewicht zu optimieren und meine Versorgung unterwegs sicherzustellen. Heute bin ich überzeugt: Wer auf dem Trail scheitert, hat meistens nur schlecht geplant.

Seit 2008 sind Sie nun nahezu dauerhaft unterwegs. Sie haben Ihre Wohnung gekündigt, den restlichen Besitz eingelagert. War das für Sie ein großer Schritt?

Ich bin zu sehr Geschäftsfrau, um Dinge dem Zufall zu überlassen. Mir war wichtig, dass ich nicht aus dem System falle und jederzeit wieder zurückkann. Ich habe alles geklärt: Wie komme ich an meine Wahlunterlagen? Wie komme ich unterwegs an mein Geld?
Wo bin ich steuerpflichtig, wenn ich keinen festen Wohnsitz habe? Ich telefonierte so viel mit meinen Versicherungsberatern, dass die mich mittlerweile an der Stimme erkennen. Das wichtigste Gespräch führte ich mit meinem Bankberater. Es ging um die Frage, wie lange ich von meinen Ersparnissen leben kann. Er sagte: Frau Thürmer, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute: Sie müssen nie mehr arbeiten.

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Und die schlechte?

Ich darf nicht älter als 90 werden. (Lacht)

Wie hoch ist Ihr monatliches Budget?

Etwa 1.000 Euro. Die decken Verpflegung, Krankenversicherung, Lagerkosten, Ausrüstung und Flüge ab. Am meisten geht dabei für Essen und Material drauf. Ich benötige alle sechs Wochen neue Schuhe, einmal im Jahr ein neues Zelt und eine neue Isomatte. Outdoorausrüstung, die sich andere Menschen fürs Leben kaufen, verschleiße ich in einem Jahr.

Ist diese Art zu leben eine Form der Realitätsflucht? Wie sehr nehmen Sie noch am Weltgeschehen teil?

Ich lese schon gern die Nachrichten auf meinem Smartphone, wenn ich abends in meinem Zelt sitze. Aber das meiste berührt mich kaum, weil es meinen Alltag nicht beeinflusst. Eine Ausnahme war der Ukraine-Konflikt: Die Strecke entlang der Donau schien mir zu gefährlich, und ich änderte deswegen meine Wanderpläne. Das Thru-Hiken mag rudimentär sein, aber es ist für mich kein Eskapismus. Ich bin ja nicht auf der Flucht. Mein Leben als Managerin gefiel mir. Es war nur an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren.

Sie haben sich für ein Leben am Minimum entschieden, haben ihre Werte auf den Prüfstand gestellt. Was haben Sie dadurch gewonnen?

Glück und Freiheit. Ich habe pro Tag nur zwei Termine: Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Statussymbole haben für mich keine Bedeutung, und was andere über mich denken, berührt mich nicht. Wenn ich unterwegs bin, sehe ich mich manchmal wochenlang nicht im Spiegel. Das hat den Druck von mir genommen, irgendwie aus-sehen zu müssen.

Haben Sie auch etwas verloren?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich verstehe nicht, warum. Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas aufgegeben zu haben.

Freundschaften vielleicht?

Einige sind auf der Strecke geblieben, weil sich die Freunde nicht damit arrangieren konnten, dass ich sie nicht jederzeit auf ein Bier in der Kneipe treffen kann. Die verbliebenen Beziehungen haben sich eher intensiviert. Wenn ich da bin, habe ich ja nahezu unbegrenzt Zeit.

Weltlage: Ihr Handy möchte Christine Thürmer nicht missen. Mit dem liest sie vor dem Einschlafen im Zelt die Nachrichten oder macht in der Wildnis Online-Banking. Vorausgesetzt, sie hat Empfang.

Naturnah: Das Leben im Freien birgt Risiken. Christine Thürmer hat jedoch gelernt, sich bei Unwettern oder Begegnungen mit Bären so zu verhalten, dass ihr nichts passiert. Lediglich Zeckenbisse bereiten ihr Sorgen.

Unterschlupf: Das Kirchlein im Grünen wurde um 1700 von hugenottischen Glaubensflüchtlingen erbaut. Auch Christine Thürmer hat dort Schutz gefunden: vor einem heftigen Regenschauer.

Mahlzeit: Beim Langstreckenwandern dreht sich alles ums Essen, sagt Christine Thürmer. Gerichte mit vielen Kalorien und wenig Gewicht stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Gibt es etwas zu feiern, gönnt sie sich einen Restaurantbesuch: ein All-you-can-eat-Buffet.

Wie hat Ihre Familie auf Ihre Entscheidung reagiert?

Mit Unverständnis. Dass ich mir genau in dem Alter eine Auszeit nehme, in dem andere ihre Karriere vorantreiben oder eine Familie gründen, konnten meine Eltern nicht verstehen. Aber mit 40 Jahren lässt man sich von seinen Eltern nicht mehr so viel reinreden.

Wie muss man sich die junge Christine Thürmer vorstellen?

Ich wollte schon als Mädchen die Welt entdecken, unabhängig sein. Mein Traumberuf war Archäologin. Eine Familie zu gründen war für mich dagegen nie ein Thema. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mit den Kindern zu Hause zu bleiben. Wenn die 16-Jährige Christine mich heute sehen könnte, wäre sie bestimmt einverstanden. Sie würde sagen: Du hast alles richtig gemacht.

Wenn Sie durch den Yukon paddeln oder im Winter durch die Appalachen wandern, sind Sie oft tagelang alleine. Fehlt Ihnen manchmal Nähe, eine Beziehung?

Ohne Partner zu leben, damit habe ich mich vorerst abgefunden. Die Szene der Lang-streckenwanderer ist nicht sehr groß und die statistische Wahrscheinlichkeit, unterwegs den Traumprinzen zu treffen, sehr gering. Meinen letzten Freund habe ich kennengelernt, als ich durch Australien radelte. Wir verstanden uns gut, sind mehrere Monate gemeinsam weiter getourt, durch Japan und Südkorea. Aber daran, gemeinsam sesshaft zu werden, haben wir nicht gedacht. Von Frauen höre ich öfter, dass sie Angst hätten, ohne Partner auf solche Touren zu gehen. Meine Erfahrung: Beziehungen unterwegs sind extrem unromantisch und machen es nicht einfacher. Laufen musst du ganz alleine.

Ich habe pro Tag nur zwei Termine: Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

Also kein Traumprinz. Aber Sie könnten doch vielleicht Freunde mitnehmen?

Langstreckenwanderer stellen das Ziel über alles andere. Das kann bedeuten, dass sich zwei gute Freunde, die zusammen losge-zogen sind, unterwegs trennen, weil einer der Belastung nicht gewachsen oder einfach zu langsam ist. Anstatt zu warten, lässt man eher den Freund zurück.

Ganz schön hart. Kennen Thru-Hiker denn gar kein Mitleid?

Für sie zählt, ihren Traum wahr zu machen. Ihre Freunde können sie doch nach der Wanderung wiedertreffen. Anfangs habe ich das nicht verstanden. Ich gehe recht gemütlich und versuchte anfangs, mit den anderen Wanderern zu quatschen, die in derselben Richtung unterwegs waren. Aber die marschierten stur in ihrem Tempo weiter und ließen mich zurück. Das fand ich total unhöflich. Bis ich begriff, dass jeder sein eigenes Tempo gehen muss. Anders hält man diese Distanzen einfach nicht durch.

Sie haben sich durch Schneefelder gekämpft und sind wochenlang durch Sümpfe gewatet. Andere würden unter diesen Belastungen zusammenbrechen. Wie motivieren Sie sich, wenn Sie einen schlechten Tag haben?

Ich kenne mich mittlerweile sehr genau und spüre oft zwei, drei Tage vorher, dass sich eine innere Unwetterfront aufbaut. Meist bin ich dann einfach unausgeruht, habe mir zu viel zugemutet. Nach einer Nacht im Hotel, einer Extraportion Essen oder einem warmen Bad ist alles wieder gut. Eine Weisheit unter Langstreckenwanderern lautet: Never quit on impulse – brich nicht aus einer Laune heraus ab. Da ist viel Wahres dran. Manche Wanderer auf den US-Trails umgehen die schwierigsten Abschnitte, indem sie trampen. Damit bringen sie sich aber um das Schönste am Wandern: die Befriedigung, es geschafft zu haben.

Still: Christine Thürmer ist meistens ohne Begleitung unterwegs. „Es macht mir nichts aus, ein oder zwei Wochen mit meinen Gedanken alleine zu sein“, sagt sie. „Wenn ich dann Menschen begegne, fällt mir das Sprechen allerdings erst mal schwer.“

Sie wandern also gar nicht so sehr wegen der spektakulären Aussichten oder der Nähe zur Natur?

Ganz ehrlich? Ich bin nicht der Typ, der Bäume umarmt. Der Anblick eines Aldi- oder Lidl-Marktes, in dem ich meine Vorräte aufstocken kann, löst bei mir meist größere Glücksgefühle aus als ein schöner Sonnenaufgang.

Ihr Zelt und die Wanderstöcke bieten wenig Schutz gegen größere Tiere. Wie nahe ist Ihnen die Natur schon gekommen?

In den Sümpfen Floridas sind mir einige Alligatoren begegnet. Auch an den Anblick von Schwarzbären habe ich mich gewöhnt, seit einer mal eine halbe Stunde neben mir auf dem Weg hergegangen ist. Grizzlys sind furchterregend, aber auch sehr menschenscheu. Wenn ich in ihrem Gebiet bin, singe ich deswegen unablässig und laut. Eine Begegnung in der Wüste fand ich im Nachhinein sehr lustig: Ich höre unterwegs oft Hörbücher, und plötzlich gab es so ein kratzendes Geräusch. Ich dachte: Verdammt, schon wieder kaputte Kopfhörer. Dabei wäre ich fast auf eine Klapperschlange gestiegen, die auf dem Weg lag. Ich habe mich dann mit einem eleganten Schritt außer Reichweite gebracht. Wir waren beide sehr froh, dass wir heil davongekommen sind.

Haben Sie denn vor gar nichts Angst?

Doch. Vor Zecken. An manchen Tagen muss ich bis zu 30 Stück entfernen. Die Sorge, an einer Borreliose zu erkranken, treibt mich immer wieder zum Arzt.

Sind Krankheiten unterwegs ein Problem?

Kaum. Wenn er jeden Tag 30 Kilometer zurücklegen muss, schaltet der Körper auf Fluchtmodus. Bei Frauen bedeutet das, dass früher oder später die Periode ausbleibt. Grippe oder Erkältung bekomme ich nur, wenn ich zwischen zwei Touren länger in einer Stadt Station mache. Schwierig ist nur der Dreck. Wenn ich zum Beispiel das Wasser aus einem Teich trinken muss, in dem tote Fische schwimmen. Es lässt sich filtern, aber schmeckt trotzdem widerlich. Ich rühre deswegen ganz viel Getränkepulver rein, um nicht zu dehydrieren. Wenn man sich für dieses Leben entscheidet, muss man bereit sein, in Sachen Hygiene zurückzustecken.

Hab und Gut: Christine Thürmer trägt nur das Nötigste bei sich. Vorräte und Ausrüstung schickt sie postlagernd an Postämter entlang der Strecke. So stellt sie sicher, dass ihr unterwegs nichts Lebenswichtiges fehlt.

Finanziell haben Sie vorgesorgt. Aber Ihr Körper macht vielleicht nicht so lange mit. Sind Sie darauf vorbereitet?

Meine Ersparnisse reichen für den Krankheitsfall. Im Moment kann ich mir zwar gut vorstellen, mit 70 Jahren noch zu wandern. Auch mit 80, wenn ich fit genug bin. Vielleicht langweilt mich das alles aber auch in zehn Jahren. Dann mache ich eben was anderes. Das Leben bietet jedem von uns so viele Chancen. An Ideen festzuhalten, an die man nicht mehr glaubt, ist doch blöd.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Würden Sie lieber unterwegs sterben oder in einem Altersheim?

Vor Kurzem wurde ich mit einem Abszess im Bauch in die Notaufnahme eingeliefert. Dass ich gerade in der Stadt war, hat mir das Leben gerettet. Auf dem Trail wäre ich gestorben. Das ist also durchaus eine Option. Aber keine beängstigende: Bei etwas zu sterben, das ich gerne tue, stelle ich mir schön vor.

Sie sind nun schon 35.000 Kilometer gewandert und wirken kein bisschen erschöpft. Was unterscheidet den Wanderer, der durchhält, von dem, der aufgibt?

Die Einstellung. Ob man vor etwas wegläuft oder auf etwas zu. Auf den Trails habe ich
Leute mit gebrochenem Bein weitergehen sehen. Wenn man es wirklich will, dann hält man es auch durch.

Was ist Ihre Motivation?

Für mich ist das Leben wie ein Hochglanzkatalog mit einem wahnsinnig tollen Angebot. Und ich möchte noch möglichst viel davon ausprobieren.

Ganz ehrlich? Ich bin nicht der Typ, der Bäume umarmt. Der Anblick eines Aldi- oder Lidl- Marktes, in dem ich meine Vorräte aufstocken kann, löst bei mir meist größere Glücksgefühle aus als ein schöner Sonnenaufgang.

Christine Thürmer, unter Langstreckenwanderern bekannt unter dem Spitznamen „German Tourist“, wird 1967 in Forchheim geboren. Sie studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin. Von der Idee, in die Werbung zu gehen, verabschiedet sie sich jedoch schnell: zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Lieber geht sie den klassischen Karriereweg: Effizient und fokussiert schafft sie es in nur zehn Jahren als Sanierungsexpertin in die Führungsetage. Als sie 2004 selbst gekündigt wird, bricht sie zu einer Reise auf, die ihr Leben verändert: Fünf Monate lang wandert sie auf dem 4.277 Kilometer langen Pacific Crest Trail an der US-Westküste. Die Rückkehr in den Job fällt ihr anfangs leicht. Doch langfristig lässt ihr die Abenteuerlust keine Ruhe. 2007 verabschiedet sie sich aus Deutschland und ihrem Beruf, um auf dem Continental Divide Trail (5.000 Kilometer) und dem Appalachian Trail (3.340 Kilometer) durch die USA zu wandern. Von der Amerikanischen Gesellschaft der Langstreckenwanderer wurde die damals 41-Jährige dafür mit der Triple Crown ausgezeichnet. 2016 erschien ihr Buch „Laufen. Essen. Schlafen. Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis“ (Piper). Wenn Christine Thürmer nicht zu Lesungen eingeladen ist oder Vorträge hält, tourt sie weiterhin durch schöne und oft
entlegene Gebiete. Ihr Blog christine-on-big-trip.blogspot.de verrät, wo sie sich gerade aufhält.

Interview: Jessica Braun Fotos: Marc Krause Ausgabe: Character 10

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