Character im Porträt

Christoph Keller

Verleger und Schnapsbrenner aus Leidenschaft

Verträumt schaukelt ein Boot im Münchhöfer Mühlenbach. Schafe weiden zwischen Obstbäumen, vor der alten Mühle steht ein gedeckter Kaffeetisch in der Wiese. Nicht weit vom Bodensee, in den Vulkanhügeln des Oberen Hegaus, lebt Christoph Keller mit seiner Familie den Traum vom idyllischen Landleben. In einer alten Getreidemühle stellt der ehemalige Kunstbuchverleger edle Obstbrände her, die seit Jahren die Gourmetwelt begeistern. Doch nun gibt Keller, Miterfinder des trendigen Gins „Monkey 47“, die Schnapsbrennerei auf. Ein Gespräch über Jugendträume, Kunst und die Frage, was wirklich wichtig ist.

Video

play Video starten
Herr Keller, Sie wurden mal als „sexy Superschwabe“ und „It-Boy der Coolen“ bezeichnet. Ich nehme an, Sie fühlen sich damit zutreffend charakterisiert?

(Lacht) Unbedingt! Nein, im Ernst, solche Beschreibungen sind ein Teil des Problems.

Welchen Problems?

Dass ein altes Kulturgut wie das Schnapsbrennen plötzlich zum Trend wird und als „hip“ gilt. Dabei ist diese Brennerei hier ein Teil der landwirtschaftlichen Arbeit und der Kulturlandschaft. Das läuft alles nach traditionellen Herstellungsweisen ab und hat mit diesem Hipsterzeug rein gar nichts zu tun.

Vom Kunstbuchverleger zum Schnapsbrenner, das klingt ja erst mal schräg. Haben Sie etwas Schizophrenes an sich?

Jein. Ich habe sicherlich ein paar Persönlichkeitsanteile zu viel in mir, aber im Grunde genommen waren das – ganz unspektakulär – einfach Zufälle. Ich bin zufällig Verleger geworden und noch zufälliger Schnapsbrenner. Das war alles so nie geplant. Ich bin aber grundsätzlich offen für die etwas verschlungenen Pfade abseits der asphaltierten Straßen. Das führt dann erst mal ins Dickicht. Manchmal aber dann auch auf interessante Lichtungen, die man sonst nie so entdeckt hätte.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Grundsätzlich behütet, sorglos, konservativ – aber mit Betonung auf Kultur, Geschichte und Musik. Katholisch eben. Aufgrund des strikten Verbots von jeglichen Haustieren in der elterlichen Mietwohnung und den oberschwäbischen bäuerlichen Genen aber immer auch mit einer großen Sehnsucht nach Natur, Land, Flora und Fauna.

Und die Liebe zur Kunst, wo kommt die her?

Von meinen Eltern. Kunsthistorische Früherziehung, die Kathedralentour – ich habe das volle Programm des Bildungsbürgertums genossen. Später wollte ich Fotograf werden und ging für ein Jahr nach New York. Bei der Münchner Filmhochschule habe ich mich auch mal beworben. Letztlich lief es auf einen Magister in Kunstgeschichte hinaus. Ich bin ja kein Künstler, mich interessiert mehr der Umgang mit Kunst und die Kommunikation darüber. Deshalb habe ich noch während des Studiums einen Verlag mit Kunstbüchern aufgemacht.

Die Kunst war keine Rebellion für Sie?

Doch, im Hinblick auf das konservative Milieu meines Elternhauses auf jeden Fall. Aber die 70er- und 80er-Jahre waren natürlich auch eine ganz andere Zeit für junge Menschen. Heute geht es um Anpassung an die Mehrheit, gestützt durch digitale Algorithmen und ein falsches Demokratieverständnis, das zur Doktrin des Massengeschmacks führt. Uns ging es damals vor 30 Jahren um größtmögliche Individualisierung. Wir waren Mods, Popper, Punks, Heavy-Metal-Jünger, Teds, Rockabillies und was weiß ich noch was. Jeder wollte sich vom anderen absetzen, jeder hat in einer Band gespielt – und Kunst war ein Teil dieser Individualisierung. Insofern ja, eine sanfte Rebellion, die sich dann aber im realen Kunstbetrieb, der ja auch ein nicht unerheblicher Markt ist, relativiert.

Welchen Traum hatten Sie als Achtzehnjähriger?

Alle Träume. Ich wollte Künstler sein, Musiker, Sportler, Weltreisender, Bauer, Manager, Tierpfleger, Forscher, Entdecker. Und so weiter.

Die alte Scheune räumt Christoph Keller gerade aus. Was seine Zukunft bringt, ist ungewiss.

Kellers Liebe gehört der Literatur über Kunst. Viele der Bände hat er als Verleger selbst herausgebracht.

Immerhin haben Sie’s zum It-Boy der Gourmetwelt gebracht …

Schauen Sie sich mal um. Ist das ein cooles Ambiente? Ein Bauernhof! Sehe ich aus wie ein It-Boy? Eher nicht, oder? Aber irgendwann haben die Medien das Schnapsbrennen als Thema entdeckt. Mit gravierenden Folgen. Früher haben sich reiche und erfolgreiche Leute einen Weinberg in der Toskana gekauft. Heute kaufen sie sich eine Brennanlage. Die finden das irgendwie sexy.

Gut, aber wie kam es zu dem Hype um Ihre Person? Wenn man die Medienliste auf Ihrer Webseite durchsehen will, muss man ungefähr einen Meter nach unten scrollen.

Ich glaube, es ist die Geschichte, dass einer früher Bücher gemacht hat und jetzt macht er Schnaps. Und das gut. Das hat den Journalisten und den Lesern gefallen, das war schick. Bis es dann extrem wurde.

Die sagten: Wir wollen so sein wie Sie! Wir wollen auch Schnaps und Gin machen. Absurd.

Erzählen Sie.

Immer mehr Leute waren total enthusiastisch, viele kamen sogar hierher gefahren. Aber nicht etwa, um Schnaps zu kaufen. Die sagten: Wir wollen so sein wie Sie! Wir wollen auch Schnaps und Gin machen. Absurd. Plötzlich war ich in der Szene überall bekannt, bei den Berliner Werbern und den Craftbier-Fans aus Norddeutschland. Das wollte ich nicht. Ich gehöre nicht zu denen! Dieser Hype ist auch ein Grund, warum ich aufhöre.

Obwohl es ja fantastisch gut läuft bei Ihnen.

Der Obstbrand ist hier ein kulinarisches Erbe. Man muss aber wissen, dass der Konsum insgesamt jedes Jahr ein Prozent zurückgeht, und das seit 25 Jahren. Das bedroht einige der großen Brennereien existenziell.

Obstler, Whisky, Gin – was steckt drin?

Der Obstbrand entsteht aus Früchten wie zum Beispiel Birnen, Zwetschgen oder Kirschen. Dabei wird das Obst zunächst gemaischt und einer alkoholischen Gärung unterworfen. Je höher der Zuckergehalt ist, desto höher später der Alkoholgehalt.
Durch Destillation („Brennen“) gewinnt man den Schnaps. Die Qualität des Obstbrands hängt wesentlich von der Qualität der verwendeten Früchte ab.
Whisky (in Irland und den USA Whiskey) gewinnt man ebenfalls durch Destillation, aber aus Getreidemaische. Entscheidend für den Geschmack ist nicht nur der verwendete Rohstoff wie Gerste oder Roggen, sondern auch die jahrelange Reifung im Holzfass.
Viele Whiskys liegen 15 Jahre im Fass, bevor sie getrunken werden. Der Name Whisky leitet sich vom gälischen „Uisghe Beatha“ ab, was so viel wie „Wasser des Lebens“ bedeutet.
Gin kennen viele als Bestandteil des Longdrinks „Gin Tonic“, sein Name leitet sich vom französischen Wort Genévrier für Wacholder ab. Die Wacholderbeere ist auch der Hauptaromageber für diesen Schnaps. Hinzu kommen, je nach Hersteller, bis zu 120 weitere Bestandteile – zum Beispiel Koriander, Ingwer oder Orangenschalen. Mit diesen Gewürzen wird auch Getreideschnaps aromatisiert.

Zugunsten wovon geht der Konsum zurück?

Zunächst einmal zugunsten der marktschreierischen Konkurrenz aus dem Industrie-Fusel-Sektor. Heute glaubt man ja, wenn man einen massenproduzierten schottischen Whisky im Glas hat, das wäre etwas Besonderes. Und dann natürlich zugunsten der Abstinenz. Die Gewohnheiten haben sich verändert. In guten Restaurants trinken die Menschen heute lieber noch ein Glas Wein und verzichten auf den Schnaps. Man muss ja noch fahren. Zum Schluss gibt’s einen Espresso. Der Digestif ist das Erste, was wegfällt.

Wie hat das bei Ihnen begonnen mit der Schnapsbrennerei?

Ich bin mit meiner Familie in die Stählemühle eingezogen, das war 2004. Zwei Wochen später kam ein Zollbeamter vorbei und sagte: Sie haben ein Brennrecht, sollen wir das einstampfen? Davon wusste ich gar nichts und habe vorsichtshalber gesagt: Nein, das Brennrecht behalten wir, vielleicht können wir ja mal unseren eigenen Schnaps machen. Dann habe ich mir vom Sohn des Vorbesitzers zeigen lassen, wie das geht. Und dann habe ich angefangen. Habe viel darüber gelesen, mit vielen Leuten gesprochen. Geld musste ich keines damit verdienen, zu dieser Zeit habe ich noch Bücher gemacht.

Wann wurde es dann richtig ernst?

Plötzlich haben wir Preise gewonnen, bei einem großen internationalen Wettbewerb. Immer mehr Leute wollten wissen: Wo kann man das kaufen? Da haben wir gesehen, dass man die Menschen tatsächlich für ein uraltes Handwerk wieder interessieren kann. Man muss es aber anders durchdenken und auch neu erzählen.

Ihnen als Verleger fiel das nicht schwer.

Stimmt. Und so habe ich versucht, dieses Handwerk für die Öffentlichkeit wieder interessant zu machen. Was sind Streuobstwiesen, wie wird Maische gemacht, wann erntet man Kornelkirschen – das interessiert viele Menschen. Wir probierten viel aus und fanden es spannend: Man kann die ganze Natur im Alkohol abbilden.

Klingt immer noch nicht sehr kommerziell.

Nein, das war es nie. Neben künstlerischen Ideen ging es viel um die Technik. Daran haben wir geschraubt, neue Methoden getestet, und das hat zu einem Qualitätssprung geführt. Pomeranze, Bergamotte, Ginkgosamen, Kirschlorbeer – was man alles destillieren und auch schmecken kann, ist enorm. Wir experimentierten mit einer kühlen Gärung, benutzten neue Pektinasen, Aminosäuren, Reinzuchthefen …

Ah ja …

Was ich sagen will: Wir waren Neuem gegenüber aufgeschlossen. Bevor Sie als Verleger einen praktischen Handgriff machen, lesen Sie ja erst mal alles, was es an Literatur darüber gibt.

Jetzt müssen wir endlich über Gin reden. Der wurde mit Ihrer Hilfe zum Trendgetränk.

Die Idee hatte mein Freund Alexander Stein. Ich habe das zunächst abgelehnt, weil Gin für einen Destillateur eigentlich nicht interessant ist. Den gab es nur als Industrieprodukt. Andererseits habe ich mich viel mit Kräutern beschäftigt. Und fand es dann doch spannend, einen handgebrannten Gin zu machen. Das kostet viel Zeit und erfordert viel Know-how. Probedestillationen, über Jahre. Und wer viel Zeit und Geld in die Qualität des Produkts steckt, der gibt sich auch Mühe hinsichtlich der Details bei Verpackung und Kommunikation.

Und?

Erst haben alle gesagt: Das funktioniert nie. Braune Flasche, falsche Größe, dieser komische Name …

Monkey 47. Wie kamen Sie darauf?

Der geht auf eine wahre Geschichte zurück. Auf einen Engländer, der nach dem Krieg eine Frau aus dem Schwarzwald geheiratet hat. Die beiden hatten einen Gasthof, der „Zum Wilden Affen“ hieß. Und der Engländer brannte dort mithilfe eines lokalen Kleinbrenners einen Gin mit Kräutern aus seiner Gegend.

Heute ist Monkey 47 ein Welterfolg. Auch weil die Story von den beiden Schwarzwälder Gründern so gut klingt. Wie viel davon ist Inszenierung?

Null. Es gab keine Werbeagentur, nichts. Wir haben alles selbst gemacht, alle Texte selbst geschrieben, alles. Und in den Filmen über uns haben wir einfach das gespielt, was wir sind: Alexander, der Unternehmersohn und ehemalige Nokia-Manager, im Jackett. Und ich, der Ex-Verleger und Schnapsbrenner, in der Latzhose. Keiner von uns musste sich verstellen. Diese Mischung war witzig und kam gut an. Da war auch viel Selbstironie dabei.

Und nun läuft alles ganz anders, als sich die meisten Fans das vorgestellt haben. 2016 wurde die Marke Monkey 47 an das Unternehmen Pernod-Ricard Deutschland verkauft.

Das war der logische Schritt.

Aber jetzt stellt Ihre Edelobstbrennerei, die „Stählemühle“, die Produktion zum Jahresende ein. Warum das denn?

Wenn wir jetzt weitermachen wollten, müsste das ein richtig großes Unternehmen werden. Dann hätten wir aber immer das Gleiche machen müssen, nur in größerem Maßstab. Aus zehntausend Flaschen wären hunderttausend geworden. Aber das ist nicht das, was mich interessiert. Mich interessiert: Was ist die beste Methode, um den Ginkgosamen zu destillieren? Das Betriebswirtschaftliche, die Expansion, die Vergoldung – das ist nicht meine Welt. Und ich kann mir den Luxus leisten, in meiner eigenen Welt zu leben.

Aber gehören die nicht so aufregenden Seiten nicht zu jedem Beruf? Die Routine, das Geldverdienen?

Sicher, aber ich komme damit nicht so gut zurecht. Das liegt auch daran, dass ich ziemlich perfektionistisch bin, geradezu pedantisch. Routine birgt Fehlerquellen, das ist eine Gefahr.

Ich habe sicherlich ein paar Persönlichkeits-anteile zu viel in mir.

Ist Ihnen der Erfolg über den Kopf gewachsen?

Manchmal ist uns alles zu viel geworden, das stimmt. Auch deshalb haben wir die Bremse gezogen.

Eine Flucht?

Nein. Es war nur konsequent. Ich glaube, man tut sich etwas Gutes, wenn man sagen kann: Das war’s jetzt erst mal. Zu mir sagen jetzt immer Leute, wie traurig sie sind, dass wir aufhören. Denen antworte ich: Es gibt noch 30 andere gute Schnapsbrenner!

Was sind Ihre Kunden für Leute?

Die meisten sind ganz normale Menschen. Privatkunden, die teilweise viel Geld für eine besondere Flasche ausgeben. Manche bestellen jetzt für 5000 Euro noch die letzten Bestände. Das sind sicher keine Hipster. Sondern Studienräte und Apotheker, aber vor allem Genießer, Feinschmecker, Kenner, Enthusiasten. Von dem Hype in den Magazinen haben wir nie gelebt.

Interessiert Sie Alkohol eigentlich auch als Rauschmittel? Als Quelle der Inspiration, der Lust, der Verzweiflung? Ihr Verlegerkollege Michael Krüger sagt: Die gesamte Literaturgeschichte liegt unter einem Alkoholnebel …

Nein, das spielt bei mir überhaupt keine Rolle. Höchstens als Teil der Kulturgeschichte. Wenn früher der Briefträger kam, hat der ein Schnäpsle gekriegt. Oder der Tierarzt, wenn er mit der Arbeit fertig war. Dann hat man noch geredet, es hatte was Kommunikatives. Ich würde am liebsten einen Schnaps ganz ohne Alkohol brennen. Aber das geht leider nicht, weil Alkohol dieser fantastische Geschmacksträger ist. Im Übrigen stellen wir hier absolute Spitzenprodukte her. Die taugen nicht zum Rausch. Den bekommt man mit anderen Produkten günstiger.

Okay, das ist nun alles vorbei. Was kommt als Nächstes?

Erst mal gar nichts. Aufhören ist ja immer mit viel Arbeit verbunden, um alles abzuwickeln.

Und dann?

Dann mach ich wieder was.

Und was?

Vielleicht was völlig Privates, keine Ahnung.

Oder Politik?

Nee.

Glauben Sie nicht, dass es ein Grundmuster gibt, nach dem jeder Mensch lebt? Wenn das stimmt, werden Sie kein Privatier, sondern eine Kreativschleuder, die wieder an die Öffentlichkeit geht.

Meine Frau sagt auch immer, dass ich obsessiv und exzessiv sei in allem, was ich mache. Aber irgendwann wird man ruhiger. Dann sind auch manche Eitelkeiten befriedigt. Das nächste Projekt wird sicher nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Man kann auch obsessiv Vögel beobachten.

Vögel beobachten?

Ja, klar. Mit Greifvögeln arbeiten, das wollte ich immer. Aber es geht leider nicht, da musst du immer da sein, das bindet einen komplett.

Tiere gehören schon jetzt zu Ihrem Leben. Auf Ihrem Hof begegnet man Lamas, Schafen und Hühnern. Verwirklichen Sie sich damit einen Traum?

Ja, das ist zumindest der Traum vom Haustier, den ich mir erfüllen konnte. Und der Traum vom bäuerlichen Leben. Leben mit Tieren ist in jedem Fall ein anderes Leben. Eines, das uns die Verantwortung für die Vielfalt der Natur jeden Tag ganz unmittelbar vor Augen führt – und dies auch einfordert. Und das ist dann eben was ganz anderes als die überall dominierenden ökologischen politischen Parolen ohne Sinn und Verstand.

Der sexy It-Schwabe als bäuerlicher Eremit. Schwer vorstellbar.

Wenn schon, dann sexy Erem-It! Aber so wird das auch nicht. Das Ziel ist vorerst nur, wieder eine Art Privatsphäre herzustellen. Das Phänomen der Übergriffigkeit kennen viele Gastronomen und Köche: Jeder, der bei dir einkauft, will dein Freund sein. Das ist schwierig. Ich will einfach nicht mehr greifbar sein.

Interview: Arno Makowsky Fotos: Marc Krause Ausgabe: Character 13

Diesen Artikel empfehlen

Artikel per E-Mail versenden Artikel auf Facebook teilen Artikel auf Google+ teilen Artikel auf Xing teilen Artikel auf Twitter teilen Artikel auf Pinterest teilen