Character im Porträt

Claudia Kessler

Personaldienstleisterin, Geschäftsführerin und Visionärin

Alles hat bei Claudia Kessler mit dem Fliegen zu tun. Das Büro der HE Space-Geschäftsführerin liegt direkt neben dem Bremer Flughafen, ihr Büro ziert ein Luftbild von Venedig, am Nachmittag hat sie einen Termin in der Nachbarschaft bei Airbus ausgemacht. Dort wo sie früher selbst gearbeitet hat, gibt sie nun eine Führung durch die Mockup-Halle – eine riesengroße Anlage, in der das Modell der Internationalen Raumstation aufgebaut ist.

Rakete und Space Shuttle: Claudia Kessler hat das All auch im Büro fest im Blick.

Frau Kessler, Sie beschäftigen sich von klein auf mit dem Weltall und der Raumfahrt. Wovon träumen Sie?

Ich träume davon, selbst ins All zu fliegen. Seit ich vier Jahre alt war und die Mondlandung mit meinen Eltern im Fernsehen gesehen habe, stelle ich mir vor, eines Tages auch eine Astronautin zu werden. Meine gesamte Kindheit hindurch habe ich keinen anderen Berufswunsch geäußert. Mit dem Abitur in der Tasche studierte ich Maschinenbau und schließlich Luft- und Weltraumfahrttechnik. Seitdem bin ich in der Branche tätig.

Noch bevor Sie Ihren Abschluss machten, schrieb die Europäische Weltraum-organisation ESA Astronauten-Stellen aus. Weil Sie kein Diplom vorweisen konnten, baten Sie den damaligen Forschungsminister Heinz Riesenhuber um Unterstützung – vergeblich. Wie lange haderten Sie mit der Absage?

Ach, ich wollte nur nichts unversucht lassen. Ich wusste ja, dass die Agentur nur alle paar Jahre neue Astronauten ausbildet. Zudem stellt sie in den Folgejahren ausschließlich Bewerber von der Nachrückerliste ein, sodass neue Interessenten lange keine Chance bekommen. Deshalb legte ich mich ins Zeug. Doch ich bin auch so weit gekommen und durfte von Anfang an spannende Aufgaben in der Branche übernehmen. Direkt nach dem Studium bereitete ich eine Mission zur russischen Raumstation Mir mit vor und entwickelte Vermarktungsansätze. Später kam ich nach Bremen, um bei Airbus das Weltraumlabor Columbus für Pharmaversuche und andere kommerzielle Kunden zu vermarkten. 2008 übernahm ich meine aktuelle Aufgabe bei HE Space, einem Personaldienstleister für die Branche. Ich lasse mich eigentlich nie von Rückschlägen aufhalten. Ich bin eher ein Typ, der „jetzt erst recht“ denkt und danach handelt.

Haben Sie die Faszination fürs All aus Ihrem Elternhaus mitbekommen?

Nein, mein Vater ist Automechaniker, meine Mutter Hausfrau, die später Kommunalpolitikerin wurde.

Von oben betrachtet wirkt es, als gebe es überhaupt keine Grenzen zwischen den Ländern. Das alles möchte ich mir gerne live ansehen.

Wie standen die dazu, dass Sie Ernst machen wollten mit Ihrem Berufswunsch?

Meine Mutter hat früh mitbekommen, dass ich anders bin als andere Mädchen. Ich interessierte mich für Motorräder, hatte Physik-Leistungskurs in der Schule, ich war immer Außenseiter. Deshalb hat sie vieles nicht mehr kommentiert. Von meinem Vater habe ich mir das Schrauben an Maschinen abgeguckt. Mit 16 Jahren wollte ich unbedingt ein Moped haben. Zu Weihnachten schenkte er mir eine Riesenkiste mit Ersatzteilen. Würde ich es schaffen, sie richtig zusammenzubauen, wollte er mir den Führerschein bezahlen. Womit er nicht gerechnet hatte: Unsere Garage war von da an stets voller Jungs, die mir halfen. Mir hat das gut gefallen (lacht). Und am Ende hatte ich tatsächlich ein funktionierendes Zündapp-Moped. Ich strich es rosa an mit weißen Blümchen und musste es nirgends anschließen, weil es schnell stadt-bekannt wurde.

Es wird schnell klar: Claudia Kessler ist ein Mensch mit starker Meinung. Ihre blonde Lockenmähne scheint ein Symbolbild für ihren unbändigen Willen zu sein. Ihre Stimme ist fest, sie rollt das R auf bayerische Art. Doch sie wirkt zierlich, fast zart in ihrem weißen Hosenanzug und den silbernen Schuhen.

Offensichtlich hatten Ihre Eltern großes Vertrauen in Sie …

Mein Vater lebte mir vor, dass es gelingt, seine Träume zu realisieren. Er sattelte damals um und wurde Autohändler, nebenbei restaurierte er alte Autos. Das war seine große Leidenschaft. Schließlich fuhr er auch Oldtimer-Rallyes. Zugleich zeigte meine Mutter mir schon damals, dass es normal ist, dass Frauen Führungspositionen übernehmen. Sie wurde als erste Frau Stadträtin in unserer bayerischen Heimatstadt Mühldorf am Inn.

Nicht schwerelos, aber echt: Claudia Kessler im Nachbau einer Raumstation.

Was genau ist es, was Sie am Weltall fasziniert?

Vom All aus bekommt man einen neuen Blick auf unseren Planeten. Dort wird deutlich, dass wir als Erdenbürger Pauschaltouristen sind, die durchs Universum reisen. Den meisten von uns ist das gar nicht bewusst. Dass wir dabei nicht wegfliegen und verloren gehen, finde ich faszinierend. Von oben betrachtet, wirkt es, als gebe es überhaupt keine Grenzen zwischen den Ländern. Das alles möchte ich mir gerne live ansehen.

Claudia Kesslers Augen leuchten. Ihre Sätze überschlagen sich fast.

Jetzt machen Sie sich für junge Frauen stark und wollen die erste deutsche Astronautin ins Weltall schicken. Über das öffentlichkeitswirksame Projekt „Die Astronautin“ haben Sie zwei Bewerberinnen ausgewählt, von denen eine im Jahr 2020 starten soll. Was steckt hinter der Idee?

In meinen Augen ist es ein Unding, dass bislang elf deutsche Männer im All waren und keine einzige Frau. Ich hatte das Thema schon vor längerer Zeit bei den Chefs der Weltraum-agenturen platziert, aber ihre Reaktion war stets die gleiche: Ja, es sei ein Unding, aber nein, man könne nichts dagegen tun. Deshalb suchte ich mir Kooperationspartner und startete eine private Initiative. In drei Jahren soll eine der beiden Finalistinnen ins All fliegen und zehn Tage auf der ISS forschen.

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Eine Initiative, die allerdings noch wichtige Meilensteine erreichen muss. Sie brauchen 50 Millionen US-Dollar, damit der Plan aufgeht.

Wir haben zwar schon namhafte Unterstützer, allen voran die Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, die zugleich Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt ist. Aber bisher haben sich nur kleinere Firmen und die Bevölkerung auch finanziell an dem Projekt beteiligt, große Sponsoren und strategische Partner fehlen uns noch, um unser Vorhaben realisieren zu können. Über Crowdfunding haben wir im zurückliegenden Frühjahr ca. 60.000 Euro eingesammelt. Damit im Jahr 2020 tatsächlich eine Astro-nautin zur ISS fliegt, müssen wir bis Mitte kommenden Jahres 20 Prozent des Budgets eingesammelt haben. Das ist unser großes Ziel, denn dann können wir den Platz in der Weltraumstation buchen. Von dem Geld, das wir bislang erhalten haben, finanzieren wir das derzeitige Training beider Bewerberinnen und arbeiten an den geplanten Experimenten.

Wie hat die Branche auf die Initiative reagiert?

Auf jede andere Frage antwortet Claudia Kessler spontan und routiniert. Jetzt ringt sie um die richtigen Worte.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Natürlich gab es auch Skeptiker, die meinten: Das wird nie etwas. Schließlich ist „Die Astronautin“ in doppelter Hinsicht ein Novum, das gefällt nicht allen. Es ist eine private Initiative und es geht erstmals um weibliche Astronauten.
Doch ich bin zuversichtlich, wir bringen die erste Deutsche ins Weltall. Die Zahl der Unterstützer wächst stetig.

Sie haben eine Tochter im Studentenalter. Hätten Sie sich gewünscht, dass sie an dem Programm teilnimmt?

Nein, überhaupt nicht. Jeder muss seinen eigenen Weg suchen. Ich finde es schrecklich, wenn Kinder die Träume ihrer Eltern erfüllen sollen. Meine Tochter interessiert sich zwar schon auch für Raumfahrt, aber für sie war es immer „normal“, zudem liegt ihr Mathematik leider nicht. Sie studiert „Communication, Culture & Management“ an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen.

Sie setzen sich auch darüber hinaus für Frauenförderung ein und haben das europäische Frauennetzwerk der Branche, WIA-E, gegründet. Verstehen Sie sich als Feministin?

Ja, unbedingt. Zu meinem Berufsstart hätte ich die Frage möglicherweise noch anders beantwortet. Ich bin mit den Jahren vehementer geworden, was beispielsweise Frauenförderung angeht. Vieles bewegt sich so langsam, dass ich inzwischen auch für eine Frauenquote in Spitzenpositionen bin. In unserem eigenen Unternehmen HE Space beweisen wir, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auch in technischen Berufen möglich ist. Mit einem Frauenanteil von 55 Prozent ist die Mehrheit unserer 200 Mitarbeiter weiblich. Wir sind davon überzeugt, dass gemischte Teams kreativer und letztlich erfolgreicher sind.

HE Space findet jedes Jahr rund 40 neue Spezialisten für Organisationen wie Airbus, ESA oder Eumetsat, einen Betreiber von Wettersatelliten. Ist Ihr Alltag so aufregend, wie er klingt?

Vieles von dem, was ich mache, ist mit anderen Geschäftsführer-Positionen vergleichbar, wenn auch in einem sehr internationalen Umfeld. Unsere Mitarbeiter, egal ob bei uns in den Büros oder bei Kunden vor Ort, kommen aus 30 Nationen. Ich bin im Schnitt zwei Tage die Woche unterwegs, um unsere Niederlassung in Holland oder Kunden bzw. Branchenkonferenzen zu besuchen. Dort geht es immer darum, Beziehungen zu pflegen, frühzeitig von neuen Aufträgen zu erfahren oder potenzielle neue Mitarbeiter kennenzulernen.

Ihr Leben klingt, als laufe alles wie am Schnürchen: Kennen Sie auch Niederlagen?

Selbstredend geht es auch bei mir auf und ab. Als ich bei HE Space begann, war es eine unsichere Situation. Manchmal wussten wir nicht, ob es uns nächsten Monat noch geben würde. Aber egal, was ich mache: Ich denke nicht in diesen Kategorien. Falls mal etwas nicht gelingt, stachelt es mich dazu an, es besser zu machen. Oder ich muss einen Umweg gehen und daraus erwächst die Idee für ein anderes Projekt.

Sie absolvieren ein großes Pensum. Neben zwei Geschäftsführungen, einer Stiftung und einem Netzwerk engagieren Sie sich auch als Mentorin für Start-ups aus der Branche. Sind Sie mit sich selbst strenger als mit anderen?

Ich fürchte ja. Ich versuche manchmal, milder mit mir zu sein. Noch gelingt mir das zu selten. Ich habe schon immer einen sehr hohen Anspruch an mich und meine Arbeit gestellt.

Claudia Kessler, In der Schule gefällt ihr Mathematik. Physik wählt sie als Leistungskurs. Sie studiert Maschinenbau, später Luft- und Raumfahrttechnik – beides Männerdomänen. Die heute 52-Jährige fühlte sich nie schlecht aufgehoben unter den Männern, doch inzwischen wünscht sie sich mehr Frauen in ihrer Branche, insbesondere auch in Führungspositionen. Seit 2008 leitet sie die europäischen Niederlassungen von Hernandez Engineering Space, kurz HE Space, das 1982 als Zeitarbeitsfirma für die Raumfahrt von zwei NASA-Veteranen in den USA gegründet wurde. Kessler will mit ihrer Initiative „Die Astronautin“ (www.DieAstronautin.de) Geschichte schreiben und die erste deutsche Frau mithilfe einer privaten Initiative ins All bringen. Kontakt: Finja.Meyer@DieAstronautin.de Kessler ist verheiratet und hat eine Tochter.

Ihr Mann hat Ihnen am Anfang Ihrer Karriere den Rücken freigehalten und sich hauptsächlich um Ihre gemeinsame Tochter gekümmert. War das eine Entscheidung, um die Sie gemeinsam ringen mussten?

Nein, überhaupt nicht. Als technisch veranlagte Menschen – mein Mann ist auch Ingenieur – haben wir eine Entscheidungsmatrix auf einem Excel-Sheet angelegt und die Faktoren nüchtern bewertet. Darin ging es einerseits um wirtschaftliche Aspekte, aber auch um Chancen und Potenziale. Dabei wurde schnell deutlich: Mir waren Karriere und mein Beruf wesentlich wichtiger als meinem Mann der seine. Damit war die Entscheidung klar.

Wie finden Sie Ihren Ausgleich?

Beim Kochen oder im Garten. Seit ein paar Jahren habe ich sogar beides miteinander kombiniert: Auf der Terrasse haben wir eine überdachte Outdoor-Küche installiert, sodass ich bei schönem Wetter das Essen unter freiem Himmel zubereite. Mein Mann und ich haben dabei keine ausgeprägten Vorlieben: südostasiatisch, indisch oder nach dem israelisch-britischen Koch Yotam Ottolenghi. Wir sind offen für vieles. Meine Seele baumeln lasse ich, wenn ich mit meinem Mann in unserem Flugzeug unterwegs bin. Das ist einer der seltenen Momente, in denen ich nichts mache und nur aus dem Fenster schaue. Urlaube sind in letzter Zeit etwas kurz gekommen bei uns, aber wenn wir am Wochenende einen Ausflug machen, entschädigt mich das für vieles. Außerdem gefällt es mir auch nicht so sehr, auf einen großen Urlaub hinzuarbeiten. Ich mache es mir lieber jeden Tag so wie im Urlaub.

Die Mockup-Halle schließt in Kürze für die Besucher. Die Ingenieurin macht sich zum Gehen bereit. Ihr Mann ist gekommen, um sie abzuholen. Es ist ihr Hochzeitstag.

Zum Schluss noch die wichtigste aller Fragen: Wann erfüllen Sie sich Ihren Traum und fliegen ins All?

Sobald wie möglich. Doch zuerst möchte ich eine unserer beiden jungen Astronautinnen auf den Weg bringen. Ich denke, ich habe noch 10 bis 15 Jahre Zeit. Der italienische Astronaut Paolo Nespoli, der kürzlich zur ISS flog, ist 60 Jahre. Wenn das Alter die Richtschnur ist, habe ich noch eine Weile Zeit. Allerdings müssen die Raumflüge deutlich günstiger werden – oder ich muss bis dahin sehr reich geworden sein.

Claudia Kessler lacht. Auch wenn sie das Gesagte keinesfalls als Scherz meint.

Weltraum in der Nachbarschaft: Bei Airbus sind Teile einer Raumstation zu sehen.

Ein Hauch von All: In Bremen sind Teile einer echten Raumstation zu sehen.

Interview: Stefanie Bilen Fotos: Marc Krause Ausgabe: Character 11

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