Character im Porträt

Oliver Holy

Designliebhaber, Möbelhersteller, Bergsüchtiger

Die kräftigen Strahlen der Sonne haben Oliver Holys Büro im Münchener Osten angenehm aufgeheizt. Bilderbuchwetter. An solchen Tagen kann der Unternehmer von seinem Arbeitsplatz fast bis zu den Alpen sehen. Am Nachmittag will er raus, die Sonne genießen. Vielleicht eine Runde mit dem Hand-Bike drehen. Vorher aber nimmt er sich viel Zeit, um zu erklären, warum manche Möbel Lebensbegleiter werden, wie er seinen Platz in einer großen Unternehmerfamilie gefunden hat und wie er lernte, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Herr Holy, hier bei Ihnen sieht es so wunderbar aufgeräumt aus. Geben Sie zu, Sie haben Ihr Büro für unseren Besuch ein wenig hergerichtet.

Überhaupt nicht. Hier sieht es immer so aus. Ich bin sicher ein wenig chaotisch, aber ich hasse Unordnung. Bei mir gehört jedes Ding an seinen Platz, auch auf dem Schreibtisch. Hinter den Türen der Sideboards ist es übrigens genauso aufgeräumt. Außer vielleicht hier, in diesen beiden Fächern. Da kommt alles rein, für das ich im Moment keine Verwendung habe. Das zeige ich Ihnen lieber nicht.

Wie sind Sie privat eingerichtet?

Ich wohne in einem Jugendstilhaus in Schwabing mit Stuckdecken, vielen Nischen und einem alten, knarrenden Parkettboden. Mir ist Gemütlichkeit wichtig. Ich will mich wohlfühlen. Die Einrichtung ist ein Mix aus Klassikern, zum Beispiel von Eero Saarinen, und aktuellen Produkten aus unserem Programm, etwa von Konstantin Grcic, einem meiner Lieblingsdesigner. Und dann gibt es in meiner Wohnung einen wunderschönen Schreibtisch von George Nakashima. Der steht gleich im Eingangsbereich. Einfach so. Als Schreibtisch wird er nie benutzt.

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Warum platzieren Sie ihn nicht im Arbeitszimmer?

In meinem Zuhause gibt es kein Arbeitszimmer. Arbeiten findet hier im Büro statt. In meinen privaten Räumen erledige ich häufig abends ein paar berufliche E-Mails, die tagsüber unbeantwortet geblieben sind. Dabei ist übrigens Siri, die Spracherkennungs- und Sprachverarbeitungssoftware von Apple, inzwischen meine beste Freundin. Fantastisch, wie viel Arbeit sie einem abnimmt! Dann blättere ich zu Hause regelmäßig und in Ruhe durch Design-Magazine und Fachzeitschriften – mehr Arbeit findet zu Hause nicht statt.

ClassiCon hat den Anspruch, Einzel- stücke hervorzubringen, die durch Originalität und formale Perfektion das Potenzial besitzen, zu Klassikern zu werden. Das erfordert einen guten Spürsinn. Wovon lassen Sie sich bei der Zusammenstellung des Portfolios leiten?

Am Ende ist es das Bauchgefühl. Kein Hersteller kann sicher voraussagen, ob ein Möbelstück ein Erfolg wird. Oder sogar ein Klassiker. Das muss die Zeit zeigen. Bei der Entscheidung, eine eigene Idee umzusetzen oder dem Vorschlag eines Designers zu folgen, ist immer viel Subjektivität dabei. Nehmen Sie den Couchtisch von Sebastian Herkner aus unserem Programm: ein mundgeblasener Glasfuß mit Messingaufsatz, auf dem eine Tischplatte aus Kristallglas liegt. Viele in der Branche haben gesagt: Wie könnt Ihr so ein Produkt ins Sortiment nehmen? Das wird nie funktionieren! Ich aber habe daran geglaubt. Heute gehört der Tisch zu unseren Topsellern. Das ist meine Art, Entscheidungen zu treffen: aus dem Bauch heraus. Aber natürlich liege ich damit nicht immer richtig.

Was tun Sie, damit die Trefferquote möglichst hoch ist?

Die Augen offenhalten. Reisen und sich mit Leuten aus anderen Bereichen austauschen. Nur so vermeidet man einen Möbel-Tunnelblick. Ich denke, dass ich offener bin als manch anderer in meiner Branche. Denn durch meine Affinität zur schnelllebigen Mode, aber auch zu Kunst, Design und Architektur, habe ich einen anderen Blick auf die Dinge. Ich höre anders zu und ich bin besonders experimentierfreudig.

Hohe Originalität, formale Perfektion: ClassiCon will Einzelstücke kreieren, die das Potenzial haben, Klassiker zu werden. Das erfordert Experimentierfreude, Spürsinn und Geduld.

Alles an seinem Platz: Oliver Holy hasst Unordnung. Auch wenn er von sich sagt, er sei sicher ein wenig chaotisch.

Sind das die Früchte einer Erziehung, in der die schönen Künste eine besondere Rolle spielten?

Ganz bestimmt. In unserer Familie wurde sonntags immer zu klassischer Musik gefrühstückt. Mein Vater las an diesen Tagen stundenlang in der FAZ. Und meine Geschwister und ich wurden als Kinder regelmäßig durch alle möglichen Ausstellungen und Museen geschleift. Wie habe ich das früher gehasst! Erst später habe ich erkannt, welche Schätze sich damit für mich erschließen.

Trotzdem haben Sie zunächst Jura studiert.

Da bin ich so hineingerutscht. Ursprünglich wollte ich Design studieren und in die Möbelbranche gehen. Also genau das, was ich heute mache. Trotzdem war das Jura-Studium keine vertane Zeit. Im Gegenteil, es hat mir eine völlig neue Sichtweise ermöglicht.

War Ihr Vater enttäuscht, dass Sie nicht mit dem Staatsexamen abgeschlossen haben?

Kurz vor dem Examen rief mein Vater mich an und sagte, wir müssten dringend miteinander reden. Ich war gerade im Urlaub und habe einen Schreck bekommen, weil ich vermutete, irgendeinen Bock geschossen zu haben. Ich habe mich im ersten Augenblick nicht getraut, zu fragen. Ein paar Minuten später habe ich ihn zurückgerufen und mich erkundigt: Papa, gibt es etwas Besonderes? Ja, hat er gesagt. Es gebe da eine berufliche Option, über die wolle er mit mir reden. Aber nicht am Telefon.

Das war die Zeit, als Stephan Fischer von Poturzyn, ehemaliger Vorstand der traditionsreichen Vereinigten Werkstätten in München und Gründer von ClassiCon, sich aus seiner Firma zurückziehen wollte.

Stephan Fischer von Poturzyn hatte Classi-Con 1990 gegründet und besaß wertvolle Lizenzen berühmter Klassiker der Werkstätten, darunter vor allem Entwürfe von Eileen Gray. Zugleich hatte er vielversprechende zeitgenössische Designer in das Unternehmen geholt, etwa den jungen Konstantin Grcic. ClassiCon war ein Kleinod. Mein Vater kaufte die Firma und eröffnete mir damit die Chance, das zu tun, was ich immer tun wollte.

… Trotzdem war das Jura-Studium keine vertane Zeit.

Über Umwege ans Ziel gekommen: Vater und Onkel haben den Bekleidungshersteller Hugo Boss groß gemacht, aber Oliver Holy mochte Möbel mehr als Mode.

Aber nicht gleich als Geschäftsführer. Unter welchen Auflagen hat Ihr Vater für Sie die Tür bei ClassiCon aufgestoßen?

Es war abgemacht, dass ich ganz unten anfange. Als eine Art Azubi, der alle Abteilungen zu durchlaufen hat. Einkauf, Produktentwicklung, Lager, Finanzen, Verkauf – ich sollte alles im Detail erleben. Zwei Jahre habe ich das gemacht. Und das offensichtlich nicht so schlecht. Denn danach wurde ich von Vaters Gnaden Geschäftsführer. Ich bin sicher: Er hat das nicht bereut.

Ihr Vater und Ihr Onkel haben das Unternehmen des Großvaters, den Bekleidungshersteller Hugo Boss, groß gemacht und ab 1989 schrittweise verkauft. Seitdem widmen sie sich anderen Aktivitäten in den Bereichen Mode und Immobilien. Ist es Bürde oder Privileg, den Namen Holy zu tragen?

Das Thema kommt nur noch selten auf, weil ClassiCon inzwischen stark etabliert ist. Wir verkaufen unsere Produkte in mehr als 80 Ländern. Bei unseren Händlern bin ich längst nicht mehr „nur“ der Sohn von Jochen Holy. Das war ich vielleicht am Anfang. Vor Kurzem war ich bei einem Event von Hugo Boss am Firmensitz in Metzingen. Dabei habe ich wieder einmal festgestellt, dass die jüngeren Mitarbeiter dort die familiären Zusammenhänge oft gar nicht kennen. Ich erwähne das auch nicht. Ich mache heute mein eigenes Ding.

Aber das familiäre Band ist nach wie vor eng.

Extrem eng. Ich telefoniere fast täglich mit meinen Eltern. Mit dem Auto bin ich in weniger als einer Stunde bei ihnen am Tegernsee. Meine Schwester wohnt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Wann immer es passt, kochen wir am Sonntagabend zusammen. Das hat bei uns Tradition. Und das ist mir auch heute, mit 45, nach wie vor sehr wichtig.

Beim Essen wird dann vor allem übers Geschäft gesprochen, oder?

Nein! Uns verbinden so viele Themen. Kunst, Ausstellungen, Musik, Politik und, ja, auch Wirtschaft. Aber das steht nicht im Mittelpunkt. Wir reden über Gott und die Welt.

Welches war der wertvollste Rat, den Ihnen der Vater gegeben hat?

„Kümmere dich um das Lager! Dort erkennst du, wie gut oder schlecht es in einem Unternehmen läuft.“ Diesen Rat befolge ich bis heute. Mein Weg ins Büro führt oft hintenherum, durchs Lager. Wenn sich dort Paletten und Kisten stapeln, kann das ein Indiz sein, dass wir entweder zu viel geordert oder zu wenig verkauft haben. Oder es zeigt, dass Kunden bestellte Ware nicht abholen – und dann natürlich auch nicht bezahlen. Das ist sehr ärgerlich, denn in vielen Fällen handelt es sich dabei um Sonderanfertigungen, die sich nicht einfach anderweitig verkaufen lassen. Kurzum: Die Mitarbeiter im Lager wissen, wie es in der Firma läuft. Denen kann man nichts vormachen. Deshalb ist es gut, sich hier regelmäßig umzuschauen und mit ihnen zu reden.

Carbon-Räder, wenn es mal schnell gehen soll: Im Rollstuhl, so sagt Oliver Holy, hat er gelernt, sich nicht über Sachen aufzuregen, die unverrückbar sind.

ClassiCon fertigt ausschließlich on demand?

Überwiegend. Für unsere Polstermöbel bieten wir 40 verschiedene Stoffe zur Auswahl – da können wir nur auf Bestellung arbeiten. Aber wir haben auch Artikel ständig auf Lager. Spiegel zum Beispiel. Oder Kleiderständer. Gefertigt wird extrem lokal. Fast alles, was aus Metall ist, kommt von Herstellern aus der Region rund um den Tegernsee. Glas kommt aus dem Bayerischen Wald, aus Deutschlands ältester Glasbläserei. Ich finde das toll. Warum soll ich in Italien oder anderswo fertigen lassen, wenn ich hier vor der Haustür gute, zuverlässige Lieferanten habe? Wir könnten garantiert jedes Produkt aus unserem Sortiment günstiger herstellen lassen. Aber dann es hätte es nicht mehr dieselbe hohe Qualität.

Diese Heimatverbundenheit muss man sich leisten können. Wie preissensibel sind Ihre Kunden?

Sie sind sehr preissensibel und das ist auch richtig so. Gleichwohl spielen beim Möbelkauf Emotionen eine große Rolle. Es geht selten nur darum, dass ein Stuhl bequem und ein Tisch funktional ist. Das erwartet jeder Käufer. Das ist selbstverständlich. Nein, es geht um mehr, zum Beispiel um Geschichten. Wenn ich erzählen kann, dass ein Produkt aus einer 450 Jahre alten Glasbläserei kommt, wo der Chef mit im Laden steht, ist die Preissensibilität der Kunden plötzlich nicht mehr ganz so groß.

Mit acht Jahren hatten Sie einen schweren Skiunfall. Seitdem sitzen Sie im Rollstuhl. Ihrer Liebe zu den Bergen und speziell dem Skifahren mit Spezialanfertigungen hat das jedoch keinen Abbruch getan.

Ich habe viele Sportarten ausprobiert. Mein Opa hatte mir zu Basketball geraten – das habe ich gespielt. Dann gab es damals in München einen Tennislehrer, der Rollstuhlfahrer trainierte. Auch das habe ich gemacht. Außerdem habe ich an Marathon-Wettbewerben teilgenommen und sogar kurz überlegt, bei den Ski-Paralympics zu starten. Heute muss ich sagen: Schade, dass ich es nicht versucht habe. Das wäre sicher eine tolle Erfahrung gewesen. Aber egal, was ich gemacht habe, ich bin immer wieder beim Skifahren hängengeblieben – auch wenn ich zwischendurch weitere, auch schwere Unfälle hatte. Einmal habe ich mir den Arm gleich zwölfmal gebrochen und wochenlang im Krankenhaus gelegen. Gestoppt hat mich das nicht. Ich liebe die Berge, am liebsten auf Skiern. Meine zweite sportliche Leidenschaft ist das Radeln.

Mit einem klassischen Hand-Bike?

Nicht nur. Ich habe auch so ein richtig fieses, flaches Mountainbike, mit dem ich auch in steilem Gelände unterwegs bin. Das macht richtig Spaß. Abends eine Runde zur Schwarzentenn-Alm am Tegernsee beispielsweise. Schwitzen, kaputt sein, den Kopf klar bekommen. Schwierig wird es nur in richtig steilen Abschnitten. Da ist es gut, wenn ein Begleiter helfen kann. Sonst hilft nur eins: umkehren.

Fast alles, was aus Metall ist, kommt von Herstellern aus der Region rund um den Tegernsee.

Hadern Sie mit dem Schicksal?

Warum sollte ich das tun? Was würde das ändern? Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Im Rollstuhl habe ich gelernt, mich nicht über Sachen aufzuregen, die unverrückbar sind. Vor allem nicht über Kleinigkeiten wie einen Kratzer im Lack meines Autos. Vielleicht ist das die Erkenntnis des Unfalls von damals: dass ich weiß, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Wo steht ClassiCon in fünf Jahren?

Dann bin ich 50! Ich wünsche mir mehr Zeit, um neue Produkte zu entdecken, um zu reisen und Gespräche mit Designern zu führen. Dieser Austausch kommt oft zu kurz. Die Firma wächst und wächst. Das macht Riesenspaß. Aber ich möchte gerne mehr nach links und rechts schauen. Ich will auch andere Sachen machen. Zum Beispiel Vorträge halten vor jungen Menschen, die sich nach einem Unfall nur eingeschränkt bewegen können oder von Geburt an im Rollstuhl sitzen. Das Personal in Reha-Kliniken hat oft keine Vorstellung, was Menschen mit einem Handicap leisten können. Mein Werdegang zeigt, was auch für einen Rollstuhlfahrer möglich ist. Damit will ich anderen Menschen Mut machen. Ich bin authentisch. Ich weiß, wovon ich rede.

Oliver Holy, Jahrgang 1973, ist Geschäftsführer und Alleininhaber von ClassiCon, einem Hersteller von hochwertigen Designmöbeln mit Sitz in München. Er stammt aus einer Familie von Modeunternehmern. Sein Vater und sein Onkel haben den Metzinger Bekleidungshersteller Hugo Boss groß gemacht und seit 1989 schrittweise verkauft. Oliver Holy kommt schon in jungen Jahren mit Design und Kunst in Kontakt. Doch bevor er dieser Leidenschaft folgt, studiert er Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. 1998 absolviert er ein Trainee-Programm bei ClassiCon. Das 1990 gegründete Unternehmen übernimmt von den Vereinigten Werkstätten Lizenzen für Entwürfe der klassischen Moderne und präsentiert zeitgenössisches Design. 2003 übernimmt Oliver Holy die Geschäftsführung von ClassiCon. Aufgrund eines Skiunfalls ist er seit seinem achten Lebensjahr auf einen Rollstuhl angewiesen. Oliver Holy ist sportbegeistert. Er lebt in München, verbringt aber viel Zeit am Tegernsee, wo seine Eltern leben und er Abitur gemacht hat.

Interview: Stefan Weber Fotos: Marc Krause Ausgabe: Oliver Holy

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