Character im Porträt

Sol Gabetta

Die Star-Cellistin über Musik, Familie und Leben

Das Konzert in der ehemaligen Scheune des Henslerhofs am Titisee ist ausverkauft. Als die Star-Cellistin Sol Gabetta den Raum betritt, empfängt sie ungestümer Applaus: Sie nimmt ihr Cello und entfaltet ein brillantes Spiel zwischen hauchzarter Empfindsamkeit und raubtierhafter Kraft.

Am nächsten Tag bittet sie uns in ihr Haus im Bauerndorf Olsberg bei Basel, das sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Christoph Müller bewohnt. Im Interview lacht sie viel, spricht schnell mit charmant akzentuiertem R und schwungvollen Gesten.

Produktiv: Seit 2006 veröffentlicht Sol Gabetta mit berühmten Musikern CDs wie zuletzt „The Chopin Album“ mit dem Pianisten Bertrand Chamayou, einem seit Jahren engen Freund.

Frau Gabetta, ist das Ihr Hometrainer oder der Ihres Lebensgefährten?

Meiner. Ich sitze dort (tsch, tsch, tsch, sie macht schnelle Tretbewegungen mit den Armen), strample eine halbe Stunde und dazu höre ich die Berliner Philharmoniker über Kopfhörer. Oder ein anderes Orchester. Es klingt wie im Konzertsaal.

Im Februar erschien Ihre CD „The Chopin Album“, die Sie mit dem Pianisten Bertrand Chamayou, einem langjährigen Freund, aufgenommen haben. Soeben kehren Sie von einer mehrwöchigen Tournee zurück, und auch die zweite Jahreshälfte ist bereits eng durchgetaktet. Wie unerschöpflich ist Ihre Energie?

Es ist weniger eine Frage der Energie als der Passion. Leidenschaft ist meine Motivation! Karriere um der Karriere willen hat mich nie interessiert. Ich gehe meinen Weg Schritt für Schritt (mit den Händen zeigt sie eine kleine Spanne). Viele Kollegen überfordern sich, weil sie zu hohe Erwartungen an sich haben. Da ist Frustration vorprogrammiert. Mein Leben dagegen verlief immer sehr realistisch.

LEIDENSCHAFT IST MEINE MOTIVATION! KARRIERE UM DER KARIERE WILLEN HAT MICH NIE INTERESSIERT.

Wahlheimat: Gabetta genießt die Ruhe auf dem Land und die langen, ungestörten Spaziergänge, die sie dort macht.

Freiheit: Wenn die Künstlerin mit ihrer Silberklangstimme und dem gurrenden R spricht, ist auch ihr Körper ständig in Bewegung.

Arbeitsplatz: In ihrem Haus im schweizerischen Olsberg studiert die Cellistin neue Stücke ein, umgeben von Erinnerungsfotos ihrer Tourneen und Souvenirs aus ihren Lieblingsländern.

Auch dank Ihrer Eltern? Ihr argentinischer Vater Antoine ist Ökonom, Ihre russisch-französische Mutter Irène Pianistin.

Sie waren fantastisch darin, dass sie mich immer wieder auf den Boden gezogen haben. Wir sind vier Geschwister, ich bin die Jüngste. Jacqueline ist 15 Jahre älter als ich, Christian, der Zweitgeborene, Ingenieur und Andrés Geiger. Seit 2010 leitet er das Barockorchester „Capella Gabetta“, das wir zusammen gegründet haben.

Ein echter Clan. Auch Ihr Lebensgefährte Christoph Müller, Cellist und Musikmanager, gehört dazu. Mit ihm haben Sie 2006 das SOLsberg Festival im Schweizer Dorf Olsberg initiiert. Und gerade durften wir Ihre Matinee mit dem Pianisten Sergio Ciomei und Stücken von Beethoven, Schostakowitsch und Adrien-François Servais im Henslerhof am Titisee erleben. Ist die Familie immer dabei?

So oft wie möglich. Mit meinen Eltern und Geschwistern und meinem Partner zusammen zu sein, empfinde ich als großes Glück. Meine Mutter ist vielleicht meine engste Vertraute, die mich auch liebevoll kritisiert; mein Freund unterstützt mich sehr großzügig, mit ihm entwickle ich viele Ideen gemeinsam. Er kann sehr gut damit umgehen, dass ich manchmal im Mittelpunkt stehe. Umgekehrt begebe ich mich gerne in die zweite Reihe, wenn es um ihn geht, zum Beispiel als Intendanten des Menuhin Festivals in Gstaad. Ich beobachte sooo gerne, und das kann man nur im Hintergrund.

Hingabe und Leidenschaft: Witz, aristokratische Haltung und Eleganz bescheinigen Kritiker den Auftritten der Cellistin und schwärmen von ihrem einzigartig intensiven und gleichzeitig leichten Klang.

Aber Sie lieben auch die Bühne!

Sehr! Wenn ich spiele, bin ich von dem, was um mich herum geschieht, zwar total abgetrennt. Die Musik absorbiert mich völlig. Aber die Minuten, wenn ich einen Saal betrete, und den Applaus danach genieße ich. Ich trage gerne Kleider und manchmal auch große Roben, aber sie dürfen nicht zu kompliziert sein. Für das Konzert im Henslerhof wollte ich mich frei bewegen können. Das ist ja ein wunderschöner renovierter Schwarzwaldhof aus Holz, der unter Denkmalschutz steht, mit schrägen Wänden, niedrigen Decken und krummen Treppenstufen. Zu dieser Einfachheit fand ich schwarze Hosen und ein gleichfarbiges Top passender. Jeder muss seinen Stil finden. Stil ist Persönlichkeit.

Also auch Charakter. Welche Eigenschaften prägen Sie?

Ich bin neugierig und Menschen und dem Leben gegenüber sehr positiv eingestellt. Auch ein Energiebündel und oft etwas ungeduldig. Vor allem jedoch bin ich eine Perfektionistin der Emotionen, nicht nur der Technik! Und dafür brauche ich viel Zeit und Kraft. Ich darf mich also nicht zu sehr verausgaben. Die Gefahr ist riesig, sich zu verlieren, gerade wenn jemand extrem begabt ist. So viele junge Supertalente sind zu früh an Drogen und Süchten zugrunde gegangen.

Warum?

Zuerst erleben sie diesen Erfolg, Unmengen von Adrenalin überfluten sie, dann kommen sie total erschöpft und leer nach Hause und werden von Melancholie überschwemmt.

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Vor allem jedoch bin ich eine Perfektionistin der Emotionen, nicht nur der Technik!

Wie finden Sie Ihre Balance?

Die habe ich einfach. Ich war immer so. Nach außen sehr aktiv und temperamentvoll, nach innen ganz ruhig. Es ist ein Geschenk, denn bei vielen ist es umgekehrt. Sie scheinen gelassen und sind innerlich aufgeregt. Ich bin jedoch kein Rebell, obwohl ich eigentlich rebellisch veranlagt bin. Aber ich musste nie gegen etwas sein, weil ich in meiner Erziehung nicht bevormundet wurde. Ich konnte immer selbst entscheiden, was ich sagen und tun will.

Auch als Kind?

Von Anfang an. Ich habe einen starken Willen, den typischen Widder-Dickschädel. Einmal, ich war sechs, hatte meine Mutter mir für ein Konzert ein Kleid vorgeschlagen, das sie für mich genäht hatte. Nein, sagte ich, ich nehme dieses. Das war mit allem so. Ich wusste immer genau, was ich wollte, auch welche Musik ich spielen wollte, und duldete keinen Widerspruch. In Córdoba, meiner Heimatstadt, wo wir damals lebten, war es schwer, Noten zu bekommen. Also schrieb mir meine Mama die Noten, wenn ich eine bestimmte Komposition spielen wollte, die ich gehört hatte.

Matinee im Schwarzwaldhof: Wo immer Gabetta auftritt, und sei es im kleinen Ort Hinterzarten am Titisee, reisen die Fans aus allen Winkeln des Globus an. Kein Wunder, verbindet die Künstlerin doch Ausnahmetalent mit Aura.

Waren Sie ein Wunderkind?

Nein. Schon allein, weil mich meine Eltern nie bevorzugt haben. Wenn Andrés, er ist fünf Jahre älter als ich, Geige spielte, habe ich ihn imitiert. Ich erinnere mich, dass ich schon mit zweieinhalb Jahren viel gesungen habe. Und mit meinen Porzellanpüppchen gründete ich einen Chor und dirigierte sie. Aber es gab keinen Druck von meinen Eltern. Früh war ihnen jedoch klar, dass ich musizieren musste. Es war meine Art, Gefühle und Stimmungen auszudrücken. Mit viereinhalb Jahren bekam ich mein erstes Cello; wissen Sie, was das Auswahlkriterium war? Ich wollte ein Instrument, das größer sein sollte als das meines Bruders!

Spricht für ein ausgeprägtes Ego.

Eher für ausgeprägten Individualismus. Ich glaube, man braucht ein starkes Ego, um ein Individualist zu sein. Individualismus ist für mich die Voraussetzung, kreativ zu sein und etwas zu schaffen. Er ist eine Qualität. Egomanie dagegen finde ich destruktiv, das ist ein auswegloses Kreisen um sich selbst. Ein Cellist muss oft stark sein und das Orchester anführen. Gleichzeitig brauche ich Partner wie meinen Bruder, bei denen ich mich geborgen fühle. Es ist ein Geben und Nehmen, entscheidend ist die Sensibilität füreinander.

War das Cello an der Wand gegenüber Ihr erstes?

Nein, das spielte ich mit zwölf, als ich an die Musik-Akademie nach Basel kam. Zwei Jahre zuvor war meine Mutter mit meinen Brüdern und mir aus Argentinien nach Madrid gegangen, weil Andrés und ich ein Stipendium erhalten hatten. Wir folgten meinem Lehrer Ivan Monighetti, er war ein Schüler von Rostropowitsch, dann auch nach Basel. Mein Vater blieb mit meiner autistischen Schwester in Argentinien, bis wir in Frankreich eine Schule für sie gefunden hatten. Dann verkaufte er unser Haus und zog zu uns in die Schweiz.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Schwester Jacqueline?

Sehr innig. Früher habe ich oft auf sie aufgepasst, ich war wie ihre Mama. Heute sehen wir uns am Wochenende, wenn ich da bin. Sie liebt es, mich üben zu hören! Ich weiß, dass ich mein Leben lang Verantwortung für sie trage, und das ist mir eine große Freude. Was sind Autisten? Menschen, die in ihrer komplett eigenen Welt leben. Manchmal beneide ich meine Schwester, denn sie existiert in gewisser Weise außerhalb unserer gesellschaftlichen Realität. Die empfinde ich hin und wieder als kontraproduktiv, denn sie lässt so wenig Raum für Spontaneität, Idealismus und Freiheit. Klar brauchen wir Rituale und Rhythmen des Zusammenlebens. Aber der Anpassungsdruck kann zu hoch werden. Genau wie der Zeitdruck. Wir sind keine Computer.

Wie gehen Sie mit solchen Zwängen um?

Ich versuche, sie in Stärken zu verwandeln. Sagen wir, ich bin mit einem Programm auf Tournee und spiele täglich die gleichen Stücke, eingebunden in ein rigides Zeitraster. Das klingt nach Routine und Übermüdung, aber ich sehe darin eine zusätzliche Chance, noch perfekter zu werden. Wenn Nuancen besser waren als vorher, bin ich überglücklich und erfüllt. Ich gehe ins Bett, und wenn ich am Morgen aufwache …

Dann?

Kurz vor dem Wachsein gibt es eine winzige, fast noch unbewusste Phase, in der Sie sich manchmal erinnern, was Sie geträumt haben. Und in diesen zwei Sekunden spüren Sie auch, in welchem emotionalen Zustand Sie sind. Jedenfalls wache ich auf und empfinde in diesen Augenblicken, mit welchen Gefühlen mich das Konzert am Abend zuvor zurückgelassen hat.
Es ist der Moment, in dem ich mich mit mir selbst treffe, in dem ich ganz und gar bei mir bin.

Was machen Sie, wenn Sie sich schlecht fühlen?

Ich beginne, zu analysieren. Um zu verarbeiten, was mich belastet. Wenn ich das nicht tue, werde ich krank.

ICH MUSSTE NIE GEGEN ETWAS SEIN, WEIL ICH IN MEINER ERZIEHUNG NICHT BEVORMUNDET WURDE. ICH KONNTE IMMER SELBST ENTSCHEIDEN, WAS ICH SAGEN UND TUN WILL.

Ist Musik auch Therapie?

Definitiv. Obwohl es mein Beruf ist, kann ich ihn unmöglich von meinem Leben trennen. Ich bringe also meine Probleme mit, wenn ich anfange zu üben. Wunderbarerweise beruhigen mich die Arpeggien, die Akkorde und Tonleitern. Ich vergesse die Sorgen nicht, aber das Cello hilft mir, ähnlich wie ein Work-out, sie etwas weniger schwer zu nehmen.

Ist Üben Qual oder Freude oder beides?

Ich liebe Üben. Es ist das Gegenteil von Zwang. Es bedeutet, meinen Gefühlen und Gedanken Form zu geben. Wo will ich ankommen, nicht nur technisch, warum verstehe ich diesen Satz so und nicht anders? Für mich ist es sehr wichtig, eine Struktur zu finden. Manche Kollegen üben viel weniger, sie setzen auf Spontaneität. Das kann ich nicht. Wenn ich im Konzert 100 Prozent geben will, muss ich zu Hause 200 Prozent erreichen, wenigstens einmal. Nehmen wir an, ich will einen Ton finden, eine Art von Farbe, ich weiß genau, wie er klingen soll, aber es funktioniert nicht. Glauben Sie, im Konzert gelingt mir das? Mithilfe von Magie? Nein. Üben ist für mich, wie eine Pyramide aus Karten bauen, mühsam, mit unzähligen Wiederholungen, immer wieder fällt das Haus zusammen. Dann, im Konzert, befreie ich das Kartenhaus und schenke es dem Publikum.

Welcher Komponist ist für Sie die größte Herausforderung?

Jeder auf seine Weise. Die meisten haben sehr emotional komponiert, jeder in seiner Zeit und Welt. Sie waren Schöpfer, wir sind Interpreten. Wir versuchen, die Transzendenz der Musik herzustellen. Nehmen wir Dmitri Schostakowitsch. Bei ihm beeindruckt mich, wie es ihm gelang, das stalinistische System subversiv vorzuführen. Er schrieb dem Regime eine Hymne und ironisierte es in seinen Sinfonien gleichzeitig. Aber er lebte in ständiger Gefahr und der Angst, jederzeit verhaftet zu werden. Seine Partituren schrieb er mit dem gepackten Koffer neben sich und am Schluss schlief er kaum noch. Ich verehre ihn.

Ist er Ihr Lieblingskomponist?

Mit dem Wort „Liebling“ tue ich mich schwer. Ich bin kein Fan von irgendjemand, ich war es nie. Sicher, ich habe mit sehr beeindruckenden Persönlichkeiten zu tun, sie inspirieren mich, sie geben mir Impulse. Aber ich hatte nie Idole. Weil ich sie nicht brauche. Wenn man sich mit jemandem zu sehr identifiziert, gibt man der eigenen Persönlichkeit keinen Raum mehr, sich zu entwickeln.

Gibt es jemanden, den Sie bewundern?

Da ist dieser junge Hornist, Felix Klieser. Er wurde ohne Hände geboren und spielt nur mit den Füßen, es ist unbeschreiblich. Wie er einen Mangel in Virtuosität transformiert, grenzt an Genie. Ich habe ihn vor zwei Jahren bei der Echo-Verleihung gehört. Ein sehr geerdeter Typ.

EINE DER BEDEUTENDSTEN ZEITGENÖSSISCHEN CELLISTINNEN

Sol Gabetta wird als jüngste von vier Geschwistern am 18. April 1981 im argentinischen Córdoba geboren. Schon mit zwei Jahren fällt die Tochter der russisch-französischen Pianistin Irène Timacheff und des argentinischen Ökonomen Antoine Gabetta durch ihre außergewöhnliche Musikbegabung auf. Mit viereinhalb Jahren erhält sie ihr erstes Cello und Unterricht, als Zehnjährige gewinnt sie einen Wettbewerb in Argentinien und im selben Jahr geht sie mit Mutter und Brüdern über Spanien in die Schweiz. Als Zwölfjährige studiert sie an der Musik-Akademie in Basel bei Ivan Monighetti, einem Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, und nimmt noch während des Studiums das erste Album auf.

Die internationale Karriere startet Gabetta 2004 als Gewinnerin des „Crédit Suisse Young Artist Award“. Sie tritt mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev auf und bald mit den namhaftesten Orchestern der Welt, gewinnt Preise wie 2007 und 2013 den Echo Klassik, veröffentlicht zahlreiche CDs und absolviert mehr als 130 Konzerte pro Jahr. Heute gilt Sol Gabetta, die zudem an der Basler Musik-Akademie lehrt, mit ihrem vielfältigen Repertoire von Vivaldi über Mozart bis zu Dvorák, Schostakowitsch und Bloch als bedeutendste zeitgenössische Cellistin.

Haben Sie das absolute Gehör?

Nein. Es ist übrigens ein Vorteil. Wenn man heute ein Klavier stimmt, dann immer in der gleichen Frequenz, für den Kammerton A sind das 440, 442 Hertz. Aber im Barock, bei Vivaldi zum Beispiel, waren die Instrumente oft verstimmt. Man spielte mal eine Frequenz von 415, mal eine von 430 Hertz, und es störte niemanden. Je weniger Druck ein Instrument hat, desto weicher ist sein Klang.

Wie der Ihrer rund zwei Millionen Euro kostbaren Guadagnini von 1759?

Nun, meine Guadagnini hat heute auch Stahlsaiten, keine aus Darm wie früher. Ihr Klang ist so … aaah, so rein … Sie ist so eine „Purheit“! Ein Mezzosopran, eine hellere Stimme, aber mit großer Tiefe. Es gibt andere Instrumente, die sind ein bisschen wie ein Raubtier, chrrrrrrrh (sie faucht). So einen Panther suche ich gerade, den ich zähmen kann. Es würde mich interessieren, wie weit ich mit so einem Animal komme. Aber ich habe mich noch in keines verliebt.

ICH GLAUBE, MAN BRAUCHT EIN STARKES EGO, UM EIN INDIVIDUALIST ZU SEIN. INDIVIDUALISMUS IST FÜR MICH DIE VORAUSSETZUNG KREATIV ZU SEIN UND ETWAS ZU SCHAFFEN.

Bei Ihrem Cello war es Liebe auf den ersten Blick?

Oh ja! Bei einem Hauskonzert begegnete ich einem Förderer, der mir vorschlug, ein bestimmtes Cello für mich zu kaufen. Ich lehnte ab, nein, sagte ich, dieses Instrument wird nicht meine große Liebe. Suchen wir Ihre große Liebe, meinte er, und wir reisten durch Europa. Am Ende fand ich meine Guadagnini in London, sie war das Cello, das am wenigsten angepriesen wurde. Ich spielte drei Töne und wusste, wir gehören zusammen – inzwischen seit beinahe zehn Jahren. Man muss auf sich selbst hören, das habe ich dabei gelernt.

Wie schwierig ist eine Karriere im klassischen Musikgeschäft für Frauen?

Als ich vor zehn Jahren begann, CDs zu produzieren, war es für Frauen leichter, international ins Geschäft zu kommen. Allerdings auch schwerer, zu bleiben. Die meisten waren nach zwei, drei Jahren wieder verschwunden. Männer dagegen machten stabilere Karrieren. Entscheidend ist die Konsequenz, die man hat, um sich zu behaupten.

Welche Rolle spielt Geld für Sie?

Meine Familie hat sich nie an Geld gemessen, und ich tue das genauso wenig. Ich kann Luxus genießen, elegante Kleider, Grandhotels, erlesene Getränke und Speisen. Aber ebenso gerne esse ich ein Käsebrot. Luxus ist auch, dass ich mir zusammen mit meinem Freund das Haus in Olsberg gekauft habe, in diesem Bauerndorf mit 200 Einwohnern. Die Menschen hier sind so begeisterungsfähig! Es ist paradiesisch, nach all den Reisen zurückzukehren, die Vögel zwitschern zu hören, die Alpakas in ihrer Hütte oben am Weg zu besuchen und den Dompteur, der hier mit Löwen und Tigern wohnt.

Sind Sie gerade wunschlos glücklich?

Ziemlich. Noch hatte ich keine Krise und dafür bin ich dankbar. Aber ich habe Angst davor. Wenn sie kommt, hoffe ich, sie als Herausforderung annehmen zu können, an der ich wachse.

Die musikalischen tipps von Sol Gabetta

Ihr Leben ist Musik. Mit rund 150 Auftritten pro Jahr zählt die argentinische Cellistin Sol Gabetta zu den produktivsten Klassikstars. Character digital hat ihre exklusiven Empfehlungen für das Jahr 2016 gesammelt.

Glyndebourne

John Christie, ein opernverrückter Landbesitzer heiratet die kanadische Opernsängerin Audrey Mildmay und gründet 1933 auf seinem Landsitz in Sussex zusammen mit zwei deutschen, vor dem NS-Regime geflohenen Emigranten, dem Dirigenten Fritz Busch und dem Schauspieler und Regisseur Carl Ebert die Glyndebourne Festival Opera. Ein Geniestreich, denn bis heute bietet das wohl idyllischste Festival der Welt hochkarätige Aufführungen und Musikstars in britisch lässiger Landlust-Picknick-Atmosphäre. Ende Mai bis Ende August.

www.glyndebourne.com

Festival Ravello

„Ich habe den Zaubergarten von Klingsor gefunden“, schrieb Richard Wagner verzückt, als er den Garten der Villa Rufolo in Ravelo oberhalb von Amalfi betrat. Tatsächlich ist der Panoramablick von der Terrasse des Gartens auf die Bucht von Salerno atemberaubend. Dort wird seit 1953 herrlichste Kammermusik auf einer Bühne zelebriert, die auf einem Felsvorsprung 15 Meter hoch über dem smaragdfarbenen Meer schwebt – unvergessliche Harmonie aus Schönheit und Wohlklang. Bis Ende Oktober.

www.ravelloarts.org

Les Musicales du Luberon

Beinahe noch ein Geheimtipp ist dieses 1989 gegründete Festival im südfranzösischen Luberon, einer Gebirgskette von Sandsteinfelsen. Von Juli bis zum August werden in den Kirchen so beschaulicher historischer Städtchen wie Menérbes und Saignon und den Steinbrüchen von Lacoste und Taillades Konzerte von Beethoven bis Rachmaninov aufgeführt. Wonnen für Ohren und Augen.

www.musicalesluberon.fr

Gstaad Menuhin Festival

Im Jahr des 60. Bestehens des Festivals und des 100. Geburtstags seines Gründers Lord Yehudi Menuhin haben sich die Organisatoren um den Intendanten Christoph Müller etwas Besonderes ausgedacht. Das Programm liest sich wie das Who`s who der internationalen Klassik-Elite. Wann kann man schon Stars wie Diana Damrau, Lang Lang, András Schiff oder Philippe Jaroussky und Khatia Buniatishvili in den Traumkulissen der Saaner Alpenlandschaft erleben? Von Juli bis September!

www.gstaadmenuhinfestival.ch

Salzburg Opernfestspiele

Der Jedermann ist bereits restlos ausverkauft, auch Samuel Becketts Endspiel unter der Regie von Dieter Dorn mit dem phänomenalen Nicholas Ofzarek und – ganz klar – Giacomo Puccinis Manon Lescaut mit Anna Divina Netrebko. Doch ohne dieses Festival in der Stadt von Wolfgang Amadeus Mozart wäre der Sommer nicht vollständig. Juli bis August. Foto: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

www.salzburgerfestspiele.at

Bayerische Staatsoper

Seit der Intendanz des ebenso kreativen wie experimentierfreudigen Intendanten Nikolaus Bachler gilt die Münchner Oper als eines der drei führenden Häuser weltweit. Auch in der Herbstsaison wird sie ihrem Ruf mit zwei hochkarätigen Premieren gerecht. Am 23. Oktober singt Elina Garanca die Hauptrolle der Léonor de Guzman in Gaetano Donizettis La Favorite, die von der Liebe eines Geistlichen zu einer Mätresse handelt. Am 28. November geht es dann in der Premiere von Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk um eine Amour fou. Regie führt der grandiose Harry Kupfer, Generalmusikdirektor Kirill Petrenko dirigiert.

www.staatsoper.de

Interview: Dr. Eva Karcher Fotos: Oliver Mark Ausgabe: Character 7

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