Digitale Welt

Mein Chef, der Computer

Am 9. März 2016 geschah etwas, das die Welt für immer verändert hat. Es geschah leise und für die meisten Menschen unbemerkt. Im Brettspiel Go, das mehr Varianten als das Universum Atome aufweist, hatte der 18-fache Weltmeister Lee Sedol aus Südkorea eine Partie klar verloren. Das Außergewöhnliche daran war der Gegner: Ein selbstlernender Computer hatte erstmals den spielstärksten Menschen in dem wohl kompliziertesten Strategiespiel der Welt besiegt. Nicht knapp, sondern überlegen. Mit Spielzügen, auf die nie zuvor ein Mensch gekommen war. “Nach dem ersten Spiel war Lee Sedol überrascht. Nach dem zweiten Spiel war er enttäuscht. Nach dem dritten Spiel sah er aus, als hätte ihn ein Pferd getreten”, kommentierte der Spitzenspieler Myungwan Kim. Die Welt der Go-Spieler war erschüttert; die Welt der Erforscher der künstlichen Intelligenz (KI) jubelte: „Das war unsere Mondlandung“, verkündete Demis Hassabis, der Gründer der Google-Tochter DeepMind, die den Computer AlphaGo in London gebaut und trainiert hat.

Der Sieg der Maschine über den Menschen hat Konsequenzen. Nicht nur für die vielen Go-Profis in Asien, die nun ihre Berufswahl überdenken. Sondern für den Einsatz dieser lernenden Software in beinahe allen Arbeitsbereichen. „Wenn die Maschine dieses äußerst komplexe Spiel gewinnt, stellt sich mir die Frage, welches Problem sie künftig nicht lösen kann“, sagt Stefan Wess, der Chef des Softwareexperten Empolis, der sich seit 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Viele Unternehmen werden die Technik nun nachbauen. „Das Go-Spiel war der Start für ein rasantes Wachstum der künstlichen Intelligenz“, erwartet Wess – und mit ihm die gesamte Gemeinde der KI-Forscher. Denn der entscheidende Unterschied von AlphaGo zu traditionellen Schachcomputern ist die Fähigkeit der Software, sich ihre Fähigkeiten selbst anzueignen. Wie ein guter Azubi schaut sich die Software die Arbeit der Menschen an, lernt daraus und wird danach die Aufgaben mindestens gleich gut, wahrscheinlich sogar besser, auf jeden Fall aber billiger erledigen. Während Maschinen früher Muskelkraft ersetzt haben, können sie den Menschen nun das Denken abnehmen – und sogar Entscheidungen treffen. Rob Nail, Chef der Singularity University, träumt inzwischen davon, dass künstliche Intelligenz in Zukunft sogar rund 70 bis 80 Prozent der täglichen Entscheidungen eines Chefs treffen kann.

„Machine Learning“ heißt diese Technik, deren Entwicklung der Google-Mutterkonzern Alphabet natürlich nicht nur für das Spiel vorantreibt. Sie könnte das nächste Milliardengeschäft des Konzerns werden, der mit seiner Suchmaschine groß geworden ist, aber nun in neue Geschäftsfelder expandiert. „Anderen Unternehmen beizubringen, wie sie künstliche Intelligenz nutzen, wird „Big Business“ für uns sein“, erwartet Google-Managerin Diane Greene. Vielleicht sogar größer als das heutige Brot-und-Butter-Geschäft Online-Werbung.

DIE RATIONALISIERUNGSWELLE ERFASST DIE WISSENSARBEITER

Die schlaue Software macht nicht nur die Spracherkennung der Smartphones besser oder steuert die selbstfahrenden Autos. Sie kann für beinahe alle Aufgaben eingesetzt werden, die zumindest zum Teil aus Routinetätigkeiten besteht. Dazu gehören so ziemlich alle Berufe, angefangen beim Buchhalter und Controller über Analysten bis hin zu Ärzten, Anwälten und sogar den Vorstandschefs. „Die Digitalisierung führt zu einer Rationalisierungswelle bei den „White-Collar-Jobs“, also den indirekten Tätigkeiten in der Verwaltung. 50 Prozent aller Arbeitnehmer in diesen Bereichen müssen sich neue Aufgaben suchen“, warnt Thomas Bauernhansl, Professor für Maschinenbau und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart. Mehr als ein Drittel der Wissensarbeiter in den USA, Großbritannien und Deutschland gehen davon aus, dass es ihre heutigen Positionen in fünf Jahren nicht mehr geben wird, hat die Studie „The Way We Work“ des Kommunikationsanbieter Unify ergeben, in der 9000 Wissensarbeiter befragt wurden. Versicherungen arbeiten daran, Zehntausende Jobs ihrer Sachbearbeiter durch intelligente Software ersetzen zu lassen. Allerdings bedeutet der Ersatz nicht automatisch eine höhere Arbeitslosigkeit. Aber viele Menschen, darin sind die Experten einig, werden sich umstellen müssen. In Deutschland sind nach heutigem Stand der Technik etwa fünf Millionen Jobs automatisierbar, hat das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW errechnet. Doch Panik sei nicht angebracht, beruhigen die Wissenschaftler: Untersuchungen zeigten, dass 85 Prozent der Arbeitnehmer bei einem Wegfall ihrer Routinetätigkeit eine neue Aufgabe im gleichen Beruf fanden. Nur 15 Prozent mussten den Beruf wechseln. „Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Beschäftigte sehr flexibel sind. Arbeitslosigkeit entsteht nur dann, wenn sie sich nicht anpassen können“, hofft ZEW-Arbeitsmarktforscher Ulrich Zierahn. Das sehen auch viele Unternehmen so. „Auf Sicht von 10 bis 15 Jahren rechne ich mit einer Belegschaft, deren Zahl auf dem gleichen Niveau wie heute bleibt“, sagt Oskar Heer, der die Arbeitspolitik beim Stuttgarter Autoproduzenten Daimler verantwortet. Allerdings gehen die Deutschen den digitalen Wandel deutlich konservativer an als Unternehmen im Ausland: Eine Avanade-Umfrage unter Führungskräften aus neun Industrieländern zeigt, dass im Ausland deutlich mehr und schneller in intelligente Technologien investiert wird. Das mag den Wandel in Deutschland verzögern, erhöht aber die Gefahr, auch die zweite Halbzeit der Digitalisierung zu verlieren. Das Zögern der Entscheider in den Unternehmen passt gut zur allgemein verbreiteten Skepsis der Deutschen gegenüber dem technischen Fortschritt. Die Nutzung sozialer Medien wie Facebook ist ein schönes Beispiel dafür: In keinem Industrieland nutzt ein solch geringer Teil der Bevölkerung soziale Medien wie in Deutschland. Und in keinem großen Land sind Akademiker in den sozialen Medien derart unterrepräsentiert wie in Deutschland. Während Unternehmer, Schriftsteller, Journalisten oder Wissenschaftler überall auf der Welt ganz selbstverständlich auf Facebook oder Twitter präsent sind, ist sich Deutschlands Elite zu fein dazu und kokettiert geradezu mit ihren Uralt-Handys und ihrer Internet-Abstinenz. Das mag bequem sein, aber es erhöht irgendwann den Anpassungsdruck.

Thomas Bauernhansl, Professor für Maschinenbau und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart

Automatisierungs­wahrscheinlichkeit
und Einkommen

Quelle: Frey und Osborne (2013), OECD (2013), Berechnung des ZEW.

FAST 50 PROZENT ALLER TÄTIGKEITEN LASSEN SICH AUTOMATISIEREN

Denn der Bedarf, sich an einen neuen Job zu gewöhnen oder zumindest weiterzubilden, war wohl nie so groß wie jetzt. Die beiden Wissenschaftler Carl Benedict Frey und Michael Osbourne haben mit Hilfe von Robotik-Experten eine Liste der Jobs aufgestellt, die in den kommenden 20 Jahrzehnten höchstwahrscheinlich von Software oder Maschinen erledigt werden können. Dazu gehören: Disponenten in der Logistik, Kreditanalysten in Banken, Chauffeure, Kassierer, Buchhalter, Makler, Call-Center-Mitarbeiter und Busfahrer. Sogar Bibliothekare, Verkehrspolizisten und Piloten weisen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent auf, bald durch eine Maschine oder schlaue Software ersetzt zu werden. Insgesamt seien fast 50 Prozent aller Jobs betroffen. In Deutschland ist die Zahl geringer, doch die Effekte sind ähnlich. „Man kann sich beinahe jeden Job anschauen und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er automatisiert und eliminiert ist. Das passiert auch. Und trotzdem steigt die Beschäftigung. Weil neue Industrien geschaffen werden. 65 Prozent der Jobs in Amerika sind Informations-Job, die es vor 25 Jahren noch gar nicht gab. Wir kreieren und erfinden ständig neue Jobs“, sagt Ray Kurzweil, einer der Päpste der künstlichen Intelligenz und heute in Diensten von Google. Trainer für Videospiele ist so ein Beispiel.

Tatsächlich haben die industriellen Revolutionen der Vergangenheit stets zu einer höheren Arbeitsproduktivität, mehr Wachstum und damit am Ende zu einem höheren Wohlstand geführt. Viele Forscher glauben, dass es auch dieses Mal gut ausgehen wird. „Unsere künstlichen neuronalen Netzwerke können schon bald Krebszellen auf Fotos besser erkennen als Ärzte. Gibt es nun deswegen bald weniger Ärzte? Nein! Stattdessen kommen mehr Menschen in den Genuss einer guten Behandlung, viele davon in Gebieten, wo es heute noch gar keine vernünftige Gesundheitsvorsorge gibt. So wird es laufen“, sagt Jürgen Schmidhuber, einer der bekanntesten KI-Forscher Deutschlands.

Unbestritten ist die Notwendigkeit, viel mehr als heute in die digitale Bildung der Menschen zu investieren. Menschen, die nur über eine Elementarbildung verfügen, weisen eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf, während nur 18 Prozent der Menschen mit Doktortitel um ihre Jobs bangen müssen. Ähnlich deutlich sieht der Zusammenhang zwischen Einkommen und Automatisierungswahrscheinlichkeit aus: Die Beschäftigten mit den 10 Prozent geringsten Einkommen weisen eine Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent auf, während die Jobs der Gutverdiener am oberen Ende nur mit einer zwanzigprozentigen Wahrscheinlichkeit der Technik zum Opfer fallen, haben Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim herausgefunden.

Automatisierungs­wahrscheinlichkeit
und Bildung

Quelle: Frey und Osborne (2013), OECD (2013), Berechnung des ZEW.

„DEUTSCHE SEHEN NICHT DIE WELTVERÄNDERNDE BEDEUTUNG DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ

Die künstliche Intelligenz wirft allerdings noch ein zweites Problem auf: „Mit dem Risikokapital, das im Silicon Valley in Anwendungen künstlicher Intelligenz investiert wird, kann Deutschland nicht mithalten. In Europa gibt es zwar auch sehr viele sehr reiche Menschen, aber die meisten sehen nicht die ungeheure weltverändernde Bedeutung der künstlichen Intelligenz und investieren kaum in KI-Projekte“, kritisiert Schmidhuber. Deutschlands Unternehmen könnten finanziell zwar locker mithalten. Aber im Gegensatz zu Google gebe hierzulande niemand eine halbe Milliarde für den Kauf eines KI-Labors aus. Schmidhuber sieht aber zumindest ein extrem vielversprechendes Feld, das die Amerikaner und Chinesen noch nicht wirklich abgedeckt haben, und zwar das Internet der Dinge, welches viel größer wird als das Internet der Menschen – ganz einfach weil es viel mehr Maschinen als Menschen gibt. „Die Möglichkeit, künstliche Intelligenz nun mit der alten doch unglaublich fortgeschrittenen und von Deutschen maßgeblich vorangetriebenen Welt des Maschinenbaus zu verbinden, weckt große Hoffnung. Es wäre fein, wenn Deutschland führende Nation im Internet der Dinge werden könnte.“ Langfristig wird der technische Fortschritt ohnehin zu mehr Wohlstand führen. „Die Arbeitsproduktivität wird dramatisch steigen. Roboter und künstliche Intelligenz werden unsere Fabriken steuern. Unsere Volkswirtschaft wird dann mit viel weniger Arbeitskräften auskommen, die aber extrem gut ausgebildet sind. Der große Rest wird für die Produktion nicht mehr benötigt“, sagt MIT-Forscher Andrew McAfee, Ko-Autor des Buches „Second Machine Age“. Was der große Rest dann tun wird, weiß aber auch McAfee nicht. „Um ihren Lebensunterhalt werden sich die Menschen auf jeden Fall keine Sorgen machen müssen“.

arbeitslosigkeit entsteht nur dann, wenn sie sich nicht anpassen können.

„DIE TECHNOLOGIE DARF UNSER LEBEN NICHT BESTIMMEN

Während die Ökonomen eine Zukunft, in der Computer unsere Arbeit erledigen, eher rosig sehen, steigt auch die Sorge vor zuviel Technik. „Wir dürfen es auf keinen Fall der Technologie überlassen, unser Leben zu bestimmen. Ich hoffe zutiefst, dass sich die Zivilgesellschaft wieder darauf konzentriert, humanistische Werte und Bildungsideale zu verfolgen“, sagt David Gelernter, Informatikprofessor an der amerikanischen Elite-Universität Yale und Kritiker der künstlichen Intelligenz. Er erforscht sie zwar, zieht ihre Grenze aber enger. „Es wird niemals einen aus Software geborenen Geist geben. Und das ist keine Frage der technischen Entwicklung, sondern a priori unmöglich. Was wir schaffen können, sind „Fakes“, die uns Menschen recht überzeugend imitieren“, sagt Gelernter.

Die Fakes können allerdings gefährlich werden. Hunderte Forscher, darunter Stephen Hawkings, Deepmind-Gründer Hassabis und auch Tesla-Chef Elon Musk, machen sich Sorgen über künstliche Intelligenz in den falschen Händen. Gemeinsam warnten sie in einem Brief vor Waffensystemen, die selbstständige Entscheidungen treffen können: „KI-Technologie hat einen Punkt erreicht, an dem der Einsatz autonomer Waffensysteme innerhalb von Jahren möglich ist. Und die Risiken sind hoch: Autonome Waffen sind als die dritte Revolution der Kriegführung nach Schießpulver und Nuklearwaffen beschrieben worden.” Die Unterzeichner des offenen Briefes betonen, dass sie “glauben, dass KI großes Potenzial hat, der Menschheit in vieler Hinsicht zu nützen”. Es sei jedoch “ein schlechter Einfall, ein militärisches KI-Wettrüsten zu beginnen”. Die ethische Diskussion um den Einsatz der künstlichen Intelligenz hat gerade erst begonnen.

Die Vermessung der (digitalen) Welt:

Die Würmchen auf dem Bildschirm bewegen sich nicht rein zufällig, sondern erkunden ihre digitale Umgebung und lernen stetig dazu. Dieser Lernprozess basiert auf künstlichen neuronalen Netzen, eine besondere Form der Informationsverarbeitung nach biologischem Vorbild und ein Zweig der Künstlichen Intelligenz. Sie kommen etwa in der Bilderkennung, in Frühwarnsystemen oder auch der medizinischen Diagnostik zum Einsatz.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
Die Künstliche Intelligenz – kurz: KI – beschreibt den Versuch, im wortwörtlichen Sinne eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden. Meist werden darunter ein Computer oder eine Software verstanden, die eigenständig Probleme lösen und Aufgaben bewältigen. Mehr dazu bei Wikipedia.

Text: Dr. Holger Schmidt Fotos: AP Photo/Lee Jin-man

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