Für morgen

Wie wir Morgen leben werden

von Dr. Eike Wenzel, Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ)

Nichts bleibt, wie es ist – das ist der Lauf unserer Gesellschaft. Damit werden wir täglich konfrontiert, ob im Alltag oder im Berufsleben. Doch wie begegnen wir Wandel und Veränderung am besten? Worauf müssen wir uns einstellen? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Character digital hat dazu Menschen befragt, die es wissen müssen. Sie alle sind Experten auf dem Gebiet der Veränderung. Sie stammen aus unterschiedlichen Branchen und sind Referenten des Bethmann Forums, einer Veranstaltungsreihe der Bethmann Bank, durch die Unternehmen Inspiration und neue Impulse erhalten.

Dr. Eike Wenzel, Trendforscher, Publizist und Unternehmensberater

1. DAS ENDE DES POSTFOSSILEN ZEITALTERS
Das 20. Jahrhundert war dominiert von Autos, Verbrennungsmotoren, Kohle-, Gas- und Kernenergie. Es standen sich Ressourcenhedonismus, Energie und Mobilität auf der einen Seite, zentralisierte Telekommunikationsmärkte und lineare Medien wie dualer Rundfunk oder der klassische Printmarkt auf der anderen Seite gegenüber. Das 21. Jahrhundert wird dagegen geprägt sein von erneuerbaren Energien, die ein „Internet der Energie“ mittels digitaler Prozesse wie Smart Meter – einem intelligenten Energiezähler – hocheffizient machen werden. Kohle und Atomkraft werden keine Rolle mehr spielen. Wir werden uns im Infrastruktursektor mit vernetzten und regenerativ betriebenen Mobilitätslösungen fortbewegen.

2. AUFTRITT DER NACHHALTIGEN KONSUMINDIVIDUALISTEN
Wir erleben derzeit das Entstehen neuer Lebensentwürfe. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie von Technologie- und Megatrends wie Digitalisierung, Energiewende und demografischem Wandel initiiert werden oder aus unterschiedlichen Lebensstilen entspringen. Sie alle – seien es linke Weltverbesserer oder rechte Wutbürger – wollen individuell und autonom funktionieren, unabhängig von den alten Gatekeepern des 20. Jahrhunderts: Massenware im Supermarktregal, im Plattenladen, bei Ärzten und Apotheken – eben überall. Diese neue dezentrale Lebensstil-Avantgarde möchte aber noch viel mehr, denn sie misstraut allen standardisierten Angeboten auch auf Feldern wie Energie, Medien und Mobilität. Mit anderen Worten: Die neuen Konsumindividualisten zielen auf einen exzentrischen Lebensstil, der radikal die hergebrachten Infrastrukturen des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen möchte – denken wir nur an die Tinyhouse-Bewegung in den USA, die das Leben in Mini-Häusern propagiert.

Bastian Unterberg

Digitalisierung treibt Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette in Unternehmen voran. Mit der Industrie 4.0 erleben wir zurzeit den Beginn der nächsten industriellen Revolution – und das mit einer ungewöhnlich hohen Geschwindigkeit. Das Risiko, abgehängt zu werden, ist höher denn je. Unternehmen müssen daher eine konsequente Haltung einnehmen: Sie müssen ihre Komfortzone verlassen. Es braucht den Mut zum Regelbruch. Es gilt, neue Schnittstellen zu schaffen, um mit Innovationen und Talenten außerhalb der eigenen Organisation zusammenzuarbeiten und so die Chancen zu nutzen, die Industrie 4.0 bietet.

Zur Person
Bereits als Student verfolgte Bastian Unterberg, wie viele seiner Studienkollegen nach ihrem Abschluss Jobs nachgingen, die ihre Kreativität unterdrückten, anstatt sie zu fördern. Daraufhin gründete er jovoto, einen Online-Marktplatz für kreative Leistungen und Ideen. Heute zählt er renommierte Adressen wie Villeroy & Boch, Victorinox, Coca-Cola oder Henkel zu seinen Kunden.

Benedikt Schröder

Innovation ist ein wichtiger Baustein des Handelns innerhalb unseres Unternehmens. Oft kommt der Anstoß von außen, weil traditionelle Lösungen in Frage gestellt werden oder Zweifel an der Machbarkeit einer neuen Lösung aufkommen. In unserem Unternehmen herrscht eine Innovationskultur, die es erlaubt, scheinbar aussichtslose Vorhaben im Bereich Forschung und Entwicklung experimentell zu überprüfen und Neuentwicklungen anzustoßen. Wir leben diese Strategie außerordentlich offen, lassen Fehler zu und binden mehrere Disziplinen in die Entwicklungsarbeit ein. Das Risiko, ohne Ergebnis das Vorhaben abzubrechen, gehört zu unserem Selbstverständnis.

Zur Person
Benedikt Schröder, persönlich haftender Gesellschafter der Aquakin GmbH, liefert mit dem weltweit kleinsten und leichtesten Wasserkraftwerk „blue freedom“ derzeit eine der innovativsten Antworten, wie Energie ökologisch und ökonomisch verantwortungsvoll gewonnen werden kann.

Claudia Kessler

Um den wirtschaftlichen Status quo aufrecht zu erhalten und den demografischen Wandel zu überwinden, müssen Frauen mehr Führungspositionen einnehmen. Dafür braucht es rationale Überzeugung und emotionale Motivation. Beides vereint sich in der Mission der ersten deutschen Astronautin, die von HE Space durchgeführt wird. Denn die Raumfahrt ist die entscheidende Triebkraft hinter einem gewaltigen Wirtschaftspotenzial in Schlüsselbereichen wie Mobilität, Energie und Kommunikation. Bei Veränderungen gilt stets, den Blick auf das Ganze zu richten. Nur der Blick aus dem All auf die Erde ermöglicht uns den Blick aufs Ganze.

Zur Person
Claudia Kessler ist CEO der HE Space Holding, Personaldienstleister für hochqualifizierte Fachkräfte in der Raumfahrt, und eine der wenigen weiblichen Führungskräfte in der Luft- und Raumfahrt. Sie gründete die Organisation Women in Aerospace Europe (WIA), um weiblichen Fachkräften in Führungspositionen bei der Karriereentwicklung ein Netzwerk zu bieten.

Dr. Stefan Lehnert

Teilweise wird der Wandel von unserem Unternehmen selbst initiiert, da wir den Anspruch haben, als Markt- und Innovationsführer die Entwicklungen innerhalb unseres Marktes zu prägen. Wandel kommt aber auch von außen: Sprunghafte politische und wirtschaftliche Verschiebungen zwingen unser Unternehmen, konstruktiv mit Veränderungen umzugehen. Jede Veränderung, ob selbst initiiert oder von außen aufgezwungen, birgt Chancen und Risiken. Wichtig ist, ihren Einfluss auf das eigene Unternehmen zu erkennen, zu analysieren und das Instrumentarium zu entwickeln, die Veränderung zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Zur Person
Dr. Stefan Lehnert ist Mehrheitsgesellschafter von Vector Foiltec GmbH, Weltmarktführer bei Dächern und Fassaden aus Spezialfolie. Mit einem Material aus der Raumfahrttechnologie fanden die Bremer eine innovative Lösung für Gebäudehüllen, die lichtdurchlässig, reißfest, wärmeisolierend, extrem langlebig und resistent gegen Luftverschmutzung sind.

Christine Riedmann-Streitz

Rein ökonomisch betrachtet ist Innovation die einzige Chance, auch künftig für Unternehmen und Kunden signifikanten Mehrwert zu schaffen und Zukunft aktiv zu gestalten. Auf neuartige Lösungen ver-zichten, einen Status quo verteidigen, ist das Hochrisikogeschäft in unserer dynamischen Weltwirtschaft. Technologien sind per se noch keine Innovationen. Sie kommen durch schöpferisch-intuitive Mitarbeiter in die Welt, die mit kluger Neugier Bedarf antizipieren, Hürden überwinden, unabhängig entscheiden und andere begeistern. Fatal, dass die Förderung der Innovationskultur nicht oberste Priorität hat. Zur Person Christine Riedmann-Streitz ist Gründerin und Geschäftsführerin der MarkenFactory GmbH, Agentur für Marke & Innovation, Marketing und Sustainability. Sie unterstützt Unternehmen dabei, neu zu denken, sich an der Zukunft auszurichten und ihre Veränderungsbereitschaft sowie Innovationsfähigkeit zu stärken.

Zur Person
Christine Riedmann-Streitz ist Gründerin und Geschäftsführerin der MarkenFactory GmbH, Agentur für Marke & Innovation, Marketing und Sustainability. Sie unterstützt Unternehmen dabei, neu zu denken, sich an der Zukunft auszurichten und ihre Veränderungsbereitschaft sowie Innovationsfähigkeit zu stärken.

Marc Klejbor

Was früher Kirche und Religion leisteten, liegt heute brach. Die Menschen verloren ihre Klarheit und ihre Orientierung. Die gleichzeitige globale Vernetzung und mediale Dauerbestrahlung belasten uns zuweilen mental. Dabei sollten Unternehmen die daraus resultierenden Chancen dazu nutzen, ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren. Die Synchronisierung von Kopf, Herz und Seele lässt die Menschen aufblühen und in ihr wahres Ich transformieren. Davon profitieren der Einzelne und alle, die beruflich oder privat mit ihm in Kontakt stehen – man könnte sagen „Erfolg mit Erfüllung“. Für mich eine der wunderbarsten Innovationen im 21. Jahrhundert.

Zur Person
Marc Klejbor ist Unternehmensberater, Motivationscoach und Unternehmer. Seine Themen sind Mitarbeiterführung, Management und strategische Unternehmensführung auf wertschätzende und wirksame Weise. Seit fast 25 Jahren unterstützt er Menschen dabei, ihre persönlichen und geschäftlichen Ziele schneller zu erreichen.

3. DIGITALER KAPITALISMUS UND GEMEINWOHL-REVOLUTION
Dass wir uns in unserem Lebensstil nicht mehr primär über Besitz, sondern zunehmend über den Zugang zu Dingen und Dienstleistungen definieren, beobachten wir schon länger. Mit der so genannten „Gig Economy“ von Unternehmen wie Uber, Lyft oder AirBnB tauchen jetzt Online-Konzepte auf, die mit dem Teilen von Dienstleistungen einen neuen Weltmarkt eröffnen. Auf der anderen Seite funktioniert Sharing – speziell im Internet mit beispielsweise Crowdfunding – im Sinne eines gemeinwohlorientierten Projekts. In den nächsten Jahren kommt es darauf an, die kommerziellen und gemeinwohlorientierten Potenziale dieses digitalen Trends zu kultivieren und nicht gegeneinander auszuspielen.

4. DAS ENDE DER LEBSNMITTELGIGANTEN ZEICHNET SICH AB
Es ist noch nie so viel über Essen geredet worden. In den USA verlor die Packaged-Food-Industrie 2014 gigantische vier Milliarden US-Dollar an frische Nahrungsmittel. Die Top-25-US-Food-Firmen haben seit 2009 insgesamt etwa 18 Milliarden US-Dollar eingebüßt. Wir erheben unser täglich Dinkelbrot zur Ersatzreligion. Und für die männliche Fleischeslust gibt es nicht nur den Weber-Grill, sondern auch regelmäßig erscheinende Magazine und Schlachtkurse. Die Befürchtung, Produkte aus der Lebensmittelindustrie wären ungesund und bedenklich, wird zunehmend größer. Selbst lange bestehende Großunternehmen und Lebensmittelgiganten wie Campbell Soup, Nestlé, General Mills und viele andere mehr müssen sich neu erfinden als kundenorientierte Vollwertunternehmen.

Autor: Dr. Eike Wenzel Illustrationen: Christian Weiss Ausgabe: Character 9

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