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Shiva auf Westfälisch

Die tamilische Gemeinde in Dortmund

Dortmund – das ist Ruhrgebiet. Das ist Industriegeschichte und Strukturwandel. Und das ist natürlich Fußball. Dortmund ist aber noch mehr, nämlich ein kleines Zentrum für Menschen mit sri-lankischen Wurzeln aus ganz Deutschland. Seit den 1980ern wurden hier viele Flüchtlinge des Bürgerkriegs in dem Inselstaat ansässig und tragen heute zum Leben in der Stadt bei.

Tamilen kennen es, mit anderen Kulturen zusammenzuleben. Das ist eine Erfahrung, die noch aus der Kolonialzeit stammt.

Jeyakumaran Kumarasamy

Die Bierkisten türmen sich direkt neben der Straße. Doch die bunte Auswahl an Bieren, die einige Passanten zum Hingucken verleitet, ist lediglich auf einen Verteilerkasten aufgemalt. Beschriftet sind die zahlreichen Flaschen auf dem Bild nicht nur mit deutschen Namen, daneben prangen gleichberechtigt fremde Schriftzeichen. „Das ist Tamil“, sagt Jeyakumaran Kumarasamy. Und muss schmunzeln, denn: „Es gibt kein tamilisches Bier. Wir haben Stout, und das haben früher die Engländer auf Sri Lanka eingeführt.“

Kumarasamy schlendert weiter, die Rheinische Straße im Dortmunder Unionviertel entlang. Vorbei an Schaufenstern, gefüllt mit schwerem Goldschmuck und farbenfrohen Saris, mit exotischen Gemüsesorten und hinduistischen Figuren. Ein Reisebüro teilt sich den Raum mit der deutschen Niederlassung des tamilischen Fernsehsenders GTV. „Das ist ein komplett tamilisches Viertel“, sagt Kumarasamy, der alle paar Meter stehen bleibt, um jemandem die Hand zu schütteln oder den Kopf in ein Geschäft reinzustecken. „Und ich kenne alle hier“, meint der 54-Jährige selbstbewusst.

INTEGRATION SEIT DER KOLONIALZEIT

Dortmund ist für Tamilen so etwas wie eine zweite Heimat in Deutschland. Zwar wohnen nur rund 250 Familien der Bevölkerungsgruppe im Stadtgebiet. Doch zieht das Unionviertel, wo früher die Stahlwerke von Hoesch und Thyssen arbeiteten, jedes Jahr Zehntausende Besucher mit tamilischen Wurzeln in die Westfalenmetropole. Etwa, um am 27. November der Opfer des sri-lankischen Bürgerkriegs zu gedenken. Oder schlicht, um einzukaufen: „Denn hier gibt es Dinge, die man sonst nirgends in Deutschland bekommt“, sagt Kumarasamy.

Kumarasamy, der nur Kumar genannt wird, kam als Flüchtling nach Deutschland. Er floh 1981 – mit 19 Jahren – wie viele andere aus seiner Heimatstadt Jaffna und kam über die DDR nach Dortmund. Dort lernte er die Sprache, machte Bekanntschaft mit einer deutschen Frau und arbeitete fortan als Dolmetscher. Integration, so sagt er, war ihm von Anfang an sehr wichtig.

Und er nennt dafür einen einfachen Grund: „Tamilen kennen es, mit anderen Kulturen zusammenzuleben. Das ist eine Erfahrung, die noch aus der Kolonialzeit stammt.“

Sweet Chilli: Restaurantchef Mohideen Hanafi kocht in Dortmund original sri-lankische Küche. Die deutschen Gäste waren zunächst sehr zurückhaltend, sind inzwischen aber sehr an der fremden Esskultur interessiert.

TAMILISCHE REZEPTE UND DEUTSCHE GAUMEN

Deshalb war es Kumarasamy auch ein Anliegen, dass die Tamilen und ihre Kultur in Dortmund stärker wahrgenommen werden. Er gründete Anfang der 1990er Jahre zusammen mit Freunden den Tamilischen Kulturverein am Rande des Unionviertels, veranstaltete tamilische Konzerte und Theaterstücke, um den deutschen Mitbürgern etwas von ihrer Kultur nahezubringen – und legte damit gewissermaßen den Grundstein für das tamilische Viertel. Denn im Laufe der Zeit folgten Geschäfte und Restaurants, darunter auch das „Sweet Chilli“ von Mohideen Hanafi.

Der 63-Jährige, der von seinen Bekannten schlicht Nana genannt wird, stellt intensiv duftende Chutneys mit Teigfladen wie Rotti und Dhosai oder Gemüse wie Murangai oder Paithaingai zu einer bunten Platte zusammen. Dann serviert er Reis auf Bananenblättern und demonstriert damit: „Unser Essen ist original. Das kriegt man nur auf Sri Lanka oder hier.“ Hanafi legt seit der Gründung seines Restaurants sehr viel Wert darauf, seine Rezepte nicht an europäische Gaumen anzupassen – und hätte sein Restaurant deshalb beinahe wieder schließen müssen, da zunächst die Gäste ausblieben.

Unser Essen ist original. Das kriegt man nur auf Sri Lanka oder hier.

Mohideen Hanafi

GÖTTERPORTRÄTS AUCH FÜR DEUTSCHE

„Früher dachten die Leute, dass unser Essen stinkt“, resümiert der Restaurantchef. „Doch seit zwei Jahren kommen sehr viele Deutsche und wollen, dass ich ihnen etwas über unsere Esskultur beibringe.“ Dazu gehört auch, mit den Händen zu essen, weshalb ein Waschbecken mitten im Restaurant steht. Kürzlich hat eine deutsche Kundin sogar ihren 96. Geburtstag im Restaurant gefeiert. „Früher hatten die Leute viele Vorurteile, dass Tamilen kriminell sind und Alkoholiker“, sagt Hanafi. Und lacht: „Dabei darf ich als Moslem gar keinen Alkohol trinken.“

Die speziellen Zutaten für die sri-lankische Küche sind auf der anderen Seite der Rheinischen Straße erhältlich: Kochbananen, Bittermelonen und lange Bohnen liegen bei TKS Best Foods in den Regalen. „Und wir haben auch viele Gebetsartikel hier“, sagt Juniorchef Birijanth Ratnalingam. Damit meint der 22-Jährige Götterporträts, Räucherstäbchen und Gebetstücher. Und resümiert: „Zu uns kommen immer mehr deutsche Kunden und fragen: Wie funktioniert das? Denn viele deutsche Frauen und Männer sind heute mit Tamilen verheiratet und machen sich mit unserer Kultur vertraut.“

Mondfest in Hamm: Priester Paskarakurukal (l.) gibt Früchte in ein Feuer und sagt Mantren auf. Er predigt im Sri Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm, dem zweit-größten Hindu-Tempel in Europa.

Der Shiva-Tempel in Dortmund mit Priester Theivendrakurukkal

CRICKET IN SCHWARZ-GELB

Der Cricket-Schläger bleibt momentan im Schrank. Bei dem Tamil Star Cricket Club herrscht Winter- und damit auch Trainingspause. Was nicht bedeutet, dass die Sportart in der tamilischen Gemeinde keine Rolle spielt: „Cricket hat auf Sri Lanka den Stellenwert, den Fußball in Deutschland hat“, sagt Lingeswaran Subramanian. Der 42-Jährige sitzt im Vorstand des Clubs, der bei Spielen – wie es sich für Dortmunder gehört – in schwarz-gelben Trikots antritt und bei Turnieren in ganz Europa erfolgreich unterwegs ist. Einmal im Jahr richtet der Club auch ein eigenes Turnier aus.

Doch trotz der Erfolge hat der Club Nachwuchssorgen – und das wegen der lokalen Sportkonkurrenz. „Cricket ist uns auch wichtig für die Jugendarbeit. Doch viele der Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind, interessieren sich mehr für Fußball – für den BVB.“ Künftig soll auch Cricket dazugehören. Subramanian und seine Mitstreiter wollen den Club als Verein eintragen lassen und hoffen darauf, dann wieder einen geeigneten Trainingsplatz zu bekommen. Bislang hatten sie auf dem alten BVB-Gelände im Dortmunder Hoeschpark trainiert, der aber einem anderen Zweck zugeführt wurde.

Sri Kamadchi Ampal Tempel

Der Hindu Shankarar Sri Kamadchi Ampal Tempel ist der größte Tempel südindischer Art in Mitteleuropa. Aufgebaut wurde er vom Priester Paskarakurukal. Neben verschiedenen Festivitäten findet dort jeden Sommer das Tempelfest mit mehreren 10.000 Besuchern statt.

Adresse:
Siegenbeckstraße 4-5, 59071 Hamm
www.kamadchi-ampal.olanko.de

TKS Best Foods

TKS Bestfoods ist ein Einzelhandel, der sich auf ausländische Lebensmittel vorrangig aus südostasiatischen Ländern spezialisiert hat. Kunden, die sich für die sri-lankische Küche interessieren, finden dort unter anderem Kochbananen, Bittermelonen oder lange Bohnen.

Adresse:
Rheinische Straße 79, 44137 Dortmund
www.tks-bestfoods.de

Sweet Chilli

Mohideen Hanafi kocht im Sweet Chilli authentische sri-lankische Küche – mit den original Schärfegraden. Auf den Tisch kommen unter anderem Dhosai, Idiyappam, Currys, Rotti und natürlich Reis. Das Restaurant ist inzwischen auch bei deutschen Gästen sehr beliebt.

Adresse:
Rheinische Straße 60, 44137 Dortmund
www.sweetchilli-dortmund.de

Tamilischer Kulturverein

Den Grundstein für den Kulturverein am Rande des Unionsviertels legte Jeyakumaran Kumarasamy. Der Tamile kam Anfang der 1980er als Flüchtling nach Dortmund. Heute bemüht sich der Verein anhand von Veranstaltungen und Sprachkursen um die Vermittlung der tamilischen Kultur.

Adresse:
Rheinische Straße 130, 44147 Dortmund
www.tkdortmund.de

SHIVA IM HINTERHOF

Stadtteil Hombruch, im Hinterhof einer Werkstatt: Rund 150 Menschen haben sich dort eingefunden und umrunden mit aneinander gelegten Händen oder mit kleinen Feuerschalen eine Statue des Gottes Shiva. Der Priester Theivendrakurukkal steht vor der Statue und predigt auf Tamil über die 72 Eigenschaften von Shiva. „Das hier war der erste Hindu-Tempel in Deutschland“, sagte Shanmugam Jegatheesvaran. Der 64-Jährige ist einer der Vorsitzenden des Gotteshauses, das 1984 gegründet wurde, und begrüßt heute bei den verschiedenen Hindu-Festen bis zu mehrere Tausend Tamilen.

„Der Tempel kennzeichnet das Gesellschaftsleben der Tamilen“, erklärt Jegatheesvaran. „Und zuweilen kommen auch Deutsche her.“ Dabei handelt es sich um Neugierige genauso wie um Besucher, die einmal nach Indien wollen oder die sogar selbst Hindu glauben. Das Interesse der Deutschen ist zwar noch überschaubar, doch der Tempelgründer gibt sich optimistisch und bemüht ein Sprichwort: „Man nimmt einen Tropfen Milch und gibt ihn in Wasser – und das Wasser wird weiß.“

Hindus in Westfalen: Der Sri Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm

BÜROKRATIE UND LOCKERHEIT

Mit anderen Worten: Es tut sich was im deutsch-tamilischen Miteinander. Das meint auch Kumar, der zu Beginn seiner Arbeit noch schlechte Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie und ebenso mit der allzu unverbindlichen Mentalität seiner Landsleute machen musste. Doch inzwischen ist eine zweite Generation an Tamilen in Dortmund herangewachsen. Und auch die Kommunalpolitik hat sich den neuen „Nachbarn“ geöffnet. So resümiert Kumarasamy sichtlich zufrieden: „Was ich heute in Dortmund erlebe, ist eine gegenseitige Akzeptanz.“

„MAN MUSS GRENZEN HABEN

Mondfest im Sri Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm: Rauch wabert durch die Halle des zweitgrößten Hindu-Tempels in Europa. Priester Paskarakurukal hockt vor einem Feuer, gibt Bananen und Orangen in die Glut und sagt Mantren auf. Gleichzeitig winkt er immer wieder deutsche Besucher herein, die neugierig im Eingang stehen bleiben. Schließlich soll die Zeremonie die Energie des Vollmonds auf alle Anwesenden übertragen. Am Feuer hockt auch Malikarchchuna Paskaran, eine der Töchter des Priesters. Die 18-Jährige erklärt ihre Rolle im Tempel – und auch im deutschen Alltag.

Was ist das Besondere, als Tochter des Priesters aufzuwachsen?

Das ist schon eine große Rolle: Die Gemeinde achtet stärker darauf, was wir tun. Wenn wir etwas falsch machen, dann ist das ein großes Thema. Wir müssen uns genau mit der Religion auskennen und natürlich auch gastfreundlich sein. Wir sind die nächste Generation, und meine Brüder werden das Amt im Tempel übernehmen. Sie sind schon als Priester geweiht und werden das fortführen, was mein Vater aufgebaut hat.

Welche Rolle spielt das im Umgang mit Ihren Freunden?

Wir wachsen als Vorbild für die Gemeinde auf. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir gar kein Fleisch essen. Ich treffe mich mit Freunden, das ist ganz normal. Aber deutsche Freunde trinken Alkohol und rauchen, das mache ich nicht.
Meine Freunde empfinden das zwar als streng, aber ich verstehe es vielmehr als Grenze. Man muss seine Grenzen haben, und dazu stehe ich.

Wie fühlt sich Ihre Generation? Deutsch oder tamil?

Wenn ich in der Schule bin, dann fühle ich mich deutsch. Doch wenn ich im Tempel bin, dann fühle ich mich tamil. Diese Umstellung ist schon anstrengend, aber ich würde es nicht ändern wollen. Das betrifft auch Freundschaften: Deutsche Jugendliche suchen sich irgendwann einen Freund oder eine Freundin. Doch wenn wir uns einen Freund aussuchen, dann muss er zur Familie passen. Er muss auch ein Priester sein oder zumindest unsere Religion verstehen.

Welchen Stellenwert hat denn Religion für Sie?

Unsere Religion ist eigentlich keine Religion, sondern ein Lebensweg. Wir bewahren unsere alten Werte natürlich, aber wir leben auch in Europa im Jahr 2015. Meine Eltern wurden auf Sri Lanka noch ganz anders erzogen: Frauen wie meine Mutter wurden dort nach der Schule auf die Ehe vorbereitet und ergriffen keinen Beruf. Das erwarten meine Eltern von mir nicht.

Welcher Beruf interessiert Sie denn?

Ich mache jetzt mein Abitur und habe einen Schwerpunkt auf BWL gelegt. Ich habe auch überlegt, ob ich Rechtsanwältin werde, aber das Studium dauert sehr lange, und ich möchte lieber etwas in wirtschaftlicher Richtung machen. Deshalb hatte ich die Idee, Bürokauffrau zu werden und anschließend BWL zu studieren. Ich möchte später auf eigenen Beinen stehen und selbst Geld verdienen. Und mein Mann muss das dann akzeptieren.

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