Panorama

Der Sternjäger

Bewahrer einer deutschen Stilikone

Hans Kleissl spürt Mercedes-Benz 300 SL in den entlegensten Winkeln der Erde auf und restauriert sie mit Liebe, Perfektion und Besessenheit. Er hat sein ganzes Leben den legendären Flügeltürern und Roadstern aus den 1950er-Jahren gewidmet.

Hans Kleissl sitzt über den Laptop gebeugt im Hof seines Klosters im oberbayerischen Polling, zwischen Ammersee und Alpen gelegen.

Der Bayer nimmt einen Schluck Kaffee und zeigt dem Besucher auf dem Bildschirm die Fotos eines mächtig maroden Oldtimers. „Ein gutes, originales Auto“, sagt der 62-Jährige zu dem abgebildeten Mercedes-Benz 300 SL. Und sofort zählt er auf: „Die Sitze sind noch mit dem ersten Leder bezogen. Die Karosserie hat keine größeren Unfallschäden abbekommen. Ein bisschen Rost. Der Motorblock ist in keinem guten Zustand, die Armatur ein einziger Kabelsalat. Scheiben gibt’s keine mehr. Der rote Lack ist zwar noch drauf, aber ziemlich hin. Der Wagen ist seit etwa 20 Jahren keinen Kilometer mehr gefahren.“ Und er resümiert: „Der Zahn der Zeit hat stark an ihm genagt. Doch er kann gerettet werden. Nein, er muss!“

Das hat Hans Kleissl schon lange vor. Er hat den Sportwagen, der momentan in einer zugigen Garage auf einer Insel im fernen Venezuela steht, bereits vor mehr als drei Jahren gekauft. Für 400.000 Euro. Allerdings gibt es Probleme bei der Ausfuhr. „Allein die Karosserienummer rechtfertigt den Preis“, erklärt er. „Heute würde ich das Auto, so restaurierungsbedürftig es auch ist, nicht mehr für unter 600.000 Euro bekommen. Das muss man sich mal vorstellen. Mit dieser Summe könnte ich mir eine ganze Garage voller nagelneuer Porsche kaufen. Möchte ich aber gar nicht.“

AUGENBLICKE DES GLÜCKS

Die Karosserienummer also: 198.040.6500017. Die 198 ist die Typbezeichnung für den Mercedes-Benz 300 SL. Die 040 steht für den Flügeltürer. Zwischen 1954 und 1957 wurden insgesamt nur 1.400 Flügeltürer-Coupés gebaut. Dazu kamen von 1957 bis 1963 noch 1.858 Roadster, also Cabrios. Die 65 bezieht sich auf das Baujahr. Mercedes-Benz hat seinerzeit die Zahlen einfach umgedreht. 65 meint also Baujahr 1956. Und die 00017 ist die laufende Fabrikationsnummer im betreffenden Jahr.

Hans Kleissl sieht sich als „Bewahrer des automobilen Kulturguts 300 SL“, sagt er. Für ihn ist der Mercedes-Benz 300 SL „eine ebenso seltene wie schützenswerte Spezies“ und viel mehr als nur das Auto. „Er ist Designklassiker. German Wunder-Car“, erklärt er beim Gang über den gepflegten Klosterhof, wo Coupés und Roadster in der Sonne glänzen – schwarze, mattgraue, lindgrüne, rote, elfenbeinfarbene und auch himmelblaue Autos. „Er ist eine Antiquität, Kulturgut, rollendes Kunstwerk. Wenn es perfekt passt, verschmelzen Fahrer und Fahruntersatz miteinander. Wie Ross und Reiter. Bei einem solchen Anblick läuft es mir immer wieder heißkalt den Rücken runter, erlebe ich meinen ganz persönlichen Augenblick des größten Glücks.“

VERLIEBT IN EIN AUTO

Fast poetische Worte. Doch man kann sie ihm glauben. Denn fast alles in Hans Kleissls Leben kreist um den 300 SL. Er kann sich noch genau an den Tag erinnern, als der 300 SL plötzlich in sein Leben fuhr: „Ich habe damals, 1977, in München Jura studiert, stand vor der Staatsbibliothek und wartete auf die grüne Ampel, um die Straßenseite zu wechseln. Plötzlich rauschte dieser wahnsinnig schöne Wagen heran. Ein schneeweißer Roadster. Offenes Verdeck. Gänsehaut-Motorensound wie von einem anderen Stern. Und das perfekteste Hinterteil, das ein Auto überhaupt nur haben kann. Ein solches Meisterwerk des Automobildesigns hatte ich vorher noch nie gesehen. Ich stand wie angewurzelt da, dachte nur: Verdammt, es hat mich erwischt. Ich bin verliebt. In ein Auto!“

Bis er sich seinen ersten eigenen 300 SL leisten konnte, vergingen einige Jahre.
Dann hatte er das Geld zusammen und fand ihn bei einem Münchener Autohändler. Einen weißen Roadster. Für 40.000 Mark. Kurz nach dem Kauf merkte Kleissl jedoch, dass der Händler ihn betrogen hatte. Sein Traumauto war ein Unfallwagen und musste dringend generalüberholt werden. Doch weil er keine Werkstatt fand, die das so perfekt konnte, wie er wollte, gründete der Sohn eines Regensburger Richters im Kloster Polling – das er vor dem Abriss gerettet und an dessen Sanierung er schon lange gearbeitet hatte – sein eigenes Unternehmen: HK Engineering, den bis heute weltweit einzigen Reparatur- und Restaurierbetrieb nur für die legendären 300 SL.

4.000 ARBEITSSTUNDEN PRO FAHRZEUG

In seinem Unternehmen, das langsam gewachsen und durch harte Zeiten gegangen ist, doch seit einigen Jahren floriert, beschäftigt der weltweit wahrscheinlich größte 300-SL-Kenner inzwischen 45 Spezialisten aus Deutschland, Italien, Frankreich, Tschechien, der Slowakei, Kasachstan und Sibirien: Feinmechaniker, Motorentechniker, Karosseriebauer, Dreher, Lackierer, Verchromer, Sattler und Feintäschner. „Alle sind passionierte Handarbeiter und gehören zu den Besten ihrer Zunft“, sagt der Flügel-Virtuose. „Für die komplette Motoren-instandsetzung haben wir sogar einen originalen Bosch-Einspritzpumpenprüfstand. Wir machen hier alles aus einer Hand.“

Rund 4.000 Arbeitsstunden stecken seine Männer in so manchen maroden Mercedes, an dem bis zu acht Leute gleichzeitig arbeiten. 50 bis 70 Flügeltürer und Roadster, so viele wie sonst nirgendwo, stehen immer in der Pollinger Klostermanufaktur. Die Garagen, Werkstatt- und Verkaufsräume sind wahre Schatzkammern. In ihnen warten Fahrzeuge aus zahlreichen Ländern, die zur Verschönerung, Inspektion, Reparatur oder Rettung dort sind.

Irgendwann wird der rote Venezolaner hier im Kloster ankommen. Dann werden wir ihn zu neuem Leben erwecken.

Hans Kleissl

RASANT STEIGENDE PREISE

Rettung bedeutet: Es handelt sich um Wracks, die Kleissls Späher und Informanten irgendwo aufgetrieben haben – auf Schrottplätzen und in längst vergessenen Scheunen in Nord- und Südamerika, Italien, England, Deutschland, Holland, Ägypten oder gar in Libyen oder auf Kuba. Erstmal in Kleissls Besitz, sind sie meistens auch schon weiter verkauft. Der 300 SL ist begehrt in Sammlerkreisen, und die Liste der Interessenten lang. „Die schwersten Zeiten liegen hinter HK Engineering“, hofft Hans Kleissl, dessen Manufaktur aktuell auf ein gutes Jahr hinaus ausgelastet ist.

Die Ein- und Verkaufspreise für die Flügeltürer und Roadster sind seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor fünf Jahren richtiggehend explodiert, Wertsteigerungen von mehr als 20 Prozent im Jahr sind ganz normal, die 300 SL somit nicht nur „Genussfahrzeug“, sondern auch eine gute Wertanlage, erklärt Hans Kleissl.

„Vor fünf, sechs Jahren waren sie noch halb so teuer. Heute muss ich selbst für ausgebrannte oder völlig verrottete Exemplare mindestens eine halbe Million Euro auf den Tisch legen, um sie zu bekommen. Und dann ist das schon ein Schnäppchen.“ Rundum restauriert, wobei alles Alte und Originale erhalten bleiben soll, verkauft er die 300 SL für knapp unter bis zu weit über eine Million Euro in die ganze Welt. „Und am liebsten ist es mir, wenn der neue Besitzer den SL nicht einfach in der Garage verschwinden lässt, sondern mit ihm fährt. Ich gebe die wertvollen Wagen viel lieber an Liebhaber als an Spekulanten.“

DAS GLÜCK EINES LOTTOGEWINNS

Hans Kleissl führt Dossiers über den Verbleib der 300 SL, von denen in den vergangenen drei Jahrzehnten etwa 800 Stück durch seine Hände gegangen sind. Von 85 Prozent aller je gebauten Wagen weltweit weiß er, wo sie fahren, parken und rotten, wem sie gehören und wie groß die Chancen stehen, sie nach Polling zu holen. Und weil Hans Kleissls Liebe zum „Auto aller Autos“ bis heute anhält, hat er ständig mehrere Handys dabei, die er auch nachts nicht abschaltet. Es könnte ja sein, dass irgendwo in einer anderen Zeitzone, auf der anderen Seite des Erdballs ein Wagen zum Verkauf steht.

Er müsse in seinem Job oft Geduld haben wie ein Angler und das Glück eines Lottogewinners, die Gelassenheit eines buddhistischen Mönches, den Riecher eines Torjägers, die Ausdauer eines Triathleten, die Risikobereitschaft eines Börsenspekulanten und die Perfektion eines Dirigenten besitzen, sagt er – und meint es auch ernst.

Schatzkammer: In Kleissls Manufaktur parken immer 50 bis 70 Flügeltürer und Roadster. Viele haben einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf hinter sich

Sattler Andrey Rogov

Lackierer Markus Niggemann

Werkstattgenie Martin Cimander

Blaupausen: Technische Zeichnungen aus den 1950er-Jahren erleichtern Reparatur und Restaurierung

Echtheitsgarantie: Karosserienummer und weitere Plaketten belegen die Authentizität der Sportwagen

IMMER VORNE MIT DABEI

Mit seinen beiden mattgrauen und mattschwarzen Flügeltürern, die Kleissl und seine Spezialisten für die Rennstrecke optimiert haben, ist er bereits bei allen berühmten historischen Rallyes gefahren: Bei den 24 Stunden von Le Mans in Frankreich, der Mille Miglia in Italien, beim Goodwood Revival in England und natürlich auch bei der Carrera Panamericana in Mexiko, dem noch immer schnellsten, verrücktesten und härtesten aller Straßenrennen für historische Boliden. Also dort, wo die 300-SL-Erfolgsgeschichte im Grunde begann.

Bei Oldtimer-Veranstaltungen in der Schweiz, Italien und den USA, wo jedes Jahr die am schönsten restaurierten Fahrzeuge ausgezeichnet werden, belegen die Sportwagen aus der HK Engineering Edelmanufaktur immer vordere Plätze. Im Herbst 2014 wurde Kleissl bei den International Historic Motoring Awards in London gar mit dem Preis „Specialist of the Year“ gekrönt. Kleissls Kunden – und Kumpels – kommen aus allen Winkeln der Erde und den unterschiedlichsten Branchen. Ein britischer Stararchitekt gehört dazu, ein Londoner Diamantenhändler oder der Präsident einer Schweizer Luxusuhrenmarke.

VOM SCHAUSPIELER BIS ZUM DIKTATOR

Nach einer rasanten Probefahrt klappt der Bayer die Tür des mattgrauen Flügeltürers hoch, der gerade durch die Inspektion gegangen ist, steigt aus und stapft in Richtung des Chefmechanikers. Hans Kleissl macht immer selbst die Endabnahme. Beim Fahren hört und fühlt er, was mit dem Wagen ist, wo es noch hakt, sagt er. Mit dem Klang des Motors bei diesem grauen Flügel ist er noch unzufrieden. Der Chefmechaniker nickt, macht sich Notizen. Der Besitzer, ein schwerreicher Italiener, holt das Auto morgen ab. Die Mechaniker müssen Überstunden machen. Der Motorsound muss perfekt sein. Und alles andere auch.

Den einzigen Aluminium-Flügeltürer, der jemals die Mille Miglia gefahren ist und der lange in sehr schlechtem Zustand in einer tristen Garage stand, hatte er bereits hier zur Generalüberholung. Den ersten je an eine Privatperson verkauften Flügeltürer und den Erdbeerroten, den der nicaraguanische Diktatorenclan Somoza einst bestellte, auch. Genauso wie den Roadster, der mal im Besitz von Rennfahrerlegende und „Vorkriegs-Schumi“ Rudolf Caracciola war. Auch das lindgrüne Coupé, das Gunter Sachs als junger Mann fuhr, erblühte in der Klostermanufaktur zu neuem Leben. Genauso wie die Zweisitzer von Prinzessin Soraya von Iran, Hollywood-Legende Clark Gable oder Prinz Ali Khan.

EIN NEUES LEBEN AUF DER STRASSE

Hans Kleissl selbst besitzt neben den beiden Rennflügeln auch das mattgraue Coupé, das dem Playboy der 30er- bis 50er-Jahre, Porfirio Rubirosa, einst gehörte. Kleissl entdeckte Rubirosas Zweisitzer vor 15 Jahren in „miserablem Zustand“ bei einem Londoner Mercedeshändler. Der Wagen hatte einen rostigen Tank und einen fingerdicken Farbanstrich. Kleissl kaufte ihn für umgerechnet 250.000 Mark, unterzog ihn in Polling einer behutsamen, zwei Jahre währenden Restaurierung und fährt ihn seitdem selbst. Wie viel er wert ist? „Er ist unverkäuflich“, antwortet der Liebhaber.

Dann klingelt eines seiner Telefone. Der Kontaktmann aus Venezuela ist dran. Die Ausfuhrpapiere für den roten Flügeltürer sind nun fast komplett, behauptet er. Es fehlen nur noch zwei Stempel. Hans Kleissl antwortet erstaunlich lässig: „Okay, versuch die Stempel so schnell wie möglich zu beschaffen.“

Seine Sehnsucht nach dem fantastischen Wagen ist zwar groß, doch er habe über all die Jahre der Jagd gelernt zu warten, sagt er: „Irgendwann wird der rote Venezolaner hier im Kloster ankommen. Dann werden wir ihn zu neuem Leben erwecken. Und endlich wieder zurück auf die Straße bringen.“

DAS JAHRHUNDERTAUTO

Mercedes’ Stilikone erlangte weltweit Berühmtheit, als das Rennfahrerduo Karl Kling und Copilot Hans Klenk im Jahr 1952 in Flügeltürer-Prototypen den Sieg bei der legendären „La Carrera Panamericana“ einfuhr. Und das trotz eines Geiers, der während der Fahrt in das Auto krachte und Hans Klenk kurz bewusstlos schlug. Der erste Platz bei dem über 3.000 Kilometer gehenden Straßenrennen quer durch Mexiko war ein wichtiger Meilenstein in Mercedes’ Rennsportgeschichte und machte schon früh einen Mythos aus dem Flügeltürer. Ein Coupé hatte im Film „Cinderella“ mit Dean Martin und Jerry Lewis seinen großen Auftritt. Und auch in anderen berühmten Filmen waren 300 SL blecherne Protagonisten, so in „Fahrstuhl zum Schafott“, „Drei Engel für Charlie“ oder „Batmans Rückkehr“. Die Schauspiel-Diva Sophia Loren und auch Pablo Picasso ließen sich für Medienberichte und Buchcover mit dem ebenso imageträchtigen wie legendären 300 SL Coupé ablichten. Im Jahr 1999 wählte eine internationale Expertenjury den 300 SL zum „Sportwagen des Jahrhunderts“.

Text: Jörg Heuer Ausgabe: Character 6

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