Panorama

Noch’n Drink?

Wohlfühloase der Businessclass, Ort der Selbstfindung, Bühne der Sehnsucht: die klassische American Bar. Ihr Zauber, ihr Mythos.

„Der Mensch“, sagt Woody Allen, „lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink.“ Zum Beispiel nach Feierabend. Also: ab nach Hause! Und dort? Post vom Finanzamt, Rechnungen im Briefkasten, der Kühlschrank leer und die Haushaltshilfe hat die Hemden verwaschen … Aber auch wenn man kein Single ist, muss es nicht immer lustig sein, nach Hause zu kommen. Die Ehefrau ist vielleicht übel gelaunt, weil der Gärtner nicht kam, die schlechten Schulnoten der Kinder müssen besprochen werden und der DVD-Player hat den Geist aufgegeben. Alltag! Probleme! Zeit also, einen Umweg zu machen. Zeit, dorthin zu gehen, wo man ebenfalls zu Hause ist, aber wo keine Probleme warten: in eine Bar.

Die Bar – Schule der Einsamkeit.

Luis Bunuel

DIE BAR ALS ORT DER INSPIRATION UND DES MÜSSIGGANGS

Bei Gimlets, Slings, Margaritas oder nur beim ersten Bier des Abends gleitet man hier hinüber vom Stress des Tages in die Trägheit des Abends. Für viele sind diese ersten Stunden in einer noch fast leeren Bar die schönsten. Es ist die Zeit der „Happy Hour“, die Zeit, den Tag Revue passieren zu lassen, das Tempo aus sich selbst und der Welt herauszunehmen.

In der Bar ist der Mensch zwar nicht daheim – aber doch irgendwie zu Hause. Hier triumphieren Inspiration, Müßiggang und die subtilen Spielarten der Kommunikation. Alle Bars sind notwendige Höhlen in Großstädten, letzte tröstliche Refugien. Und auch das verschlafenste Provinznest wird durch die Existenz einer Hotelbar aufgewertet. Für die einen ist die Bar ein Hort der kultivierten Einsamkeit, für die anderen eine Bühne der kalkulierten Selbstdarstellung. Immer gilt: Die Bar, lichtscheu wie sie ist, lässt Hektik und Stress, Tempo und Härte in Dämmerlicht und Dunkelheit versinken. Leise klirren Gläser, Gesprächsfetzen ver-mischen sich und Errol-Garner- oder Miles- Davis-Melodien driften schwerelos durch den Raum.

Die Bar ist eine Erfindung der angelsächsischen Kultur. Deshalb ihr Name: Ein Bar, das sind im Englischen 110 Zentimeter – und so hoch ist eine Bartheke. Und weil die Bar in Amerika die kultiviertesten Blüten trieb, etablierte sie sich als „American Bar“. Da fällt einem Edward Hoppers Bild „Nighthawks“ ein. Die Ikone aller Barbilder erzählt von der Sehnsucht, die an diesem Ort herrscht, und von der Möglichkeit, hier gemeinsam einsam zu sein. Die Bar als kultivierte Bühne einsamer Menschen männlichen Geschlechts? Falsch! Nicht nur auf Hoppers Bild von 1942 sitzt auch eine Frau am Tresen. Längst haben Businessfrauen, Wirtschaftslenkerinnen und Alphawölfinnen in einer American Bar nach Feierabend das intensive Gespräch mit ihrer Freundin entdeckt – und das dreht sich bei einem Cocktail oder Glas Champagner meist nicht um DAX oder Dolce.

Die berühmteste Bar gibt es nur im Film: „Ricks Café Americaine“ in „Casablanca“. Sie ist Archetyp, Quintessenz aller Bars. Aber nicht nur in den Gralsstätten des gepflegten Trinkens, in der „Oak Bar“ des Plaza-Hotels in New York, in „Harry’s New York Bar“ in Paris, im Münchner „Schumann’s“ oder der winzigen „Loos-Bar“ in Wien werden die besten Drehbücher des realen Lebens geschrieben. Auch alle anderen kleinen und großen, gestylten oder designten, berühmten oder unbekannten Bars bieten die perfekte Bühne für jenes Kammerspiel, das Leben heißt. Warum? Weil der Mensch sich hier selbst näher ist; weil er sich in dieser Atmosphäre aus Gelassenheit und Ruhe in seine Seele blicken lässt.

Die GOOD GODFREY´S Bar and Lounge im Waldorf Hilton im Londoner Covent Garden trägt den Namen von Bandleader Howard Godfrey, der mit den „Waldorfians“ große Erfolge in den 1920ern feierte.

Die FUNICULAR Lounge Bar befindet sich im Funicular Restaurant Complex in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Die Bar, die sich höhenmäßig über allen anderen Bars der Stadt befindet, bietet den Besuchern ein besonderes Dekor: ein Fresco des Künstlers Koka Ignatov aus den 1960ern namens „Tribute to Pirosmani“.

Der RED DOG SALOON versprüht uramerikanisches Flair mitten in London. So wird das Barbecue dort zubereitet wie einst über den Feuerstellen im Süden der USA, wobei amerikanische Hölzer wie Hickory und Mesquite für den original rauchigen Geschmack verwendet werden.

Die WATERHOUSE Bar & Terrace im Hilton Brighton Metropole Hotel lädt die Gäste zum Verweilen in komfortablen Sitzecken, auf der Champagner- und Zigarren-Terrasse oder direkt an der Bar. Neben einer Reihe von Getränken wie dem unverkennbaren Earl Grey Martini werden dort Meeresfrüchte oder Scones mit Marmelade und Sahne serviert.

RED DOG SALOON

Die HAGESTOLZ Bar in Mannheim wurde erst im Jahr 2012 von drei Studenten mit privatem Kapital gegründet. Die Jungunternehmer mixen ihre Getränke aber auf einem zweckentfremdeten Verkaufstresen von 1890. Der Begriff Hagestolz stammt aus dem Mittelalter und bezeichnet einen überzeugten Junggesellen.

DIE BAR: TRAUMHÖLLEGROSSSTADTHÖHLE

Ob Hotelbars, 24-Stunden-Flughafen-Bars, Cafébars, Strandbars, Schneebars oder die komfortabler möblierten Lounges und Clubs: Dieser Bereich der Gastronomie, in dem – außer Oliven und Erdnüssen – ausschließlich Flüssiges konsumiert werden sollte, boomt. Hocker, Theke und ein Drink, das ist ein Minimalismus mit Zukunft. Der Grund: Es ist in den kalten Zeiten der Mensch auf der Suche nach Leben. Auf dieser Suche gründet sich die Bar und machte sie zum zeitweiligen Hauptwohnsitz von Intellektuellen und Dichtern. James Joyce trieb es hierher, Luis Bunuel beschrieb seine Idealbar als „Schule der Einsamkeit“. Sie müsse „ruhig sein, möglichst düster und sehr bequem“, behauptete Ernest Hemingway. In dieser „Traumhölle“, so Heiner Müller, werden das Herz leicht und die Gedanken frei. Melancholie lässt sich hier inszenieren. In der holzgetäfelten Bar mit dunklen Ledersesseln verdrängt Weltschmerz den hippen Szenescherz, der heute E-Commerce-Gambler, Net-Surfer, Web-Designer und Art-Direktoren ebenso wie Ärzte, Anwälte, Journalisten, Models und Künstler in die „angesagteste Szene“-Bar treibt. Deren Aura verhält sich zur American Bar wie ein Smart zum Bentley. Und doch geht es auch hier wieder um das eine: um Kommunikation am Tresen. Verbal, nonverbal, völlig egal!

Man muss dem Leben immer um mindestens einen Whiskey voraus sein.

Humphrey Bogart

DER IDEALE BARMANN IST ENTERTAINER, BEICHTVATER UND PHILOSOPH IN EINEM

Das Zentrum der Bar und der Konversation – auch wenn Lounge und Club mit Polstersesseln dagegen aufbegehren – bleibt die Theke. Klassisch aus Mahagoni und poliertem Messing, modern aus gehärtetem Glas und kühlem Edelstahl. Manchmal ist sie poppig gelb zur Aerodynamik geformt wie bei Marc Newsons „Pod Bar“ in Tokio oder sie schmiegt sich weich in einen Raum wie jene, von Philippe Starck gestylte „Felix“-Bar im 28. Stock des Hotels Peninsula in Hongkong. Immer aber bildet der Bartresen eine Grenze! Hinter dieser Grenze ist „sein“ Platz: Der Platz des in makellosem Weiß uniformierten Barkeepers, der mit silbern glänzenden Instrumenten darauf wartet, den modernen Menschen zu verarzten.

Zum Barmann muss man geboren sein! Ein typischer Barmann ist Entertainer, Beichtvater und Philosoph in einem. Er hat die ruhige Hand eines Chirurgen beim Griff nach Flaschen und Gläsern. Diskretion, Perfektion, Humor und Small Talk mit einer Portion Tiefgang beherrscht er perfekt. Und nie verliert er die Nerven! Auch nicht, wenn ein Gast ihm – wie James Bond – alchemistische Anweisungen gibt: „Ausgezeichnet“, sagt 007, „aber wenn Sie dazu einen Wodka nehmen, der nicht aus Kartoffeln, sondern aus Getreide hergestellt ist, werden Sie merken, dass er noch besser schmeckt.“ Ein guter Barmann drängt sich nicht auf; und nur Stammgäste dürfen „ihn“ beim Vornamen nennen. Viele Gäste beginnen mit ihm ein Gespräch über Drinks, und am Ende kommt immer ein Gespräch über Menschen heraus. Nicht nur im Wein, auch im Drink liegt Wahrheit.

Apropos Wahrheit: Die American Bar ist kein Ort der Prostitution oder des Exhibitionismus. Deshalb muss der Barkeeper aufpassen, sonst wird er schnell zum Therapeuten ohne Kassenzulassung. Fragt man einen der berühmtesten Barmänner der Republik, Charles Schumann in München, zu dem Problem gesuchter und gewollter Nähe, gibt’s eine klare Antwort: „Wenn Sie einem Gast nur einmal das Gefühl geben, dass Sie sein Beichtvater sind, werden Sie es Ihr Leben lang sein. Sie müssen Ihre Gäste zu Respekt und Distanz erziehen, sonst werden Sie zum Sklaven. Entsetzlich sind diese Verbrüderungstypen. Diese Art von peinlicher Kameraderie gehört in die Eckkneipe.“ Stimmt!

Eine Bar muss ruhig sein, möglichst Düster und sehr bequem.

Ernest Hemingway

ZAUBERWORT: COCKTAIL

Und noch etwas unterscheidet die Bar von den schnöden Nasszellen des Alkoholkonsums: „Barflies“ wissen genau, wann sie den Abflug machen, denn nie sollte es hier Ziel sein, den Promille-Gipfel zu erklimmen. Deshalb heißt das Zauberwort „Cocktail“. Und Cocktails bedeuten die hohe Kunst des Mixens; wobei in der American Bar die Kreationen des Barkeepers immer auf der Basis harter Stoffe wie Scotch oder Bourbon-Whiskey, Gin oder Wodka kreiert werden. Süßliche, grell farbige Crocodile Dundees, Planter Punchs und Caipirinhas gehören eher in vom Lifestyle angetrunkene Design- und Szenebars. Passionierte Barflies greifen ohnehin zu Klassikern: Cocktails nach klassischer Rezeptur, Martini, Malt-Whisky, Pils, Champagner, basta! Sich mit solchen Drinks in sich selbst zurückzuziehen und langsam bei sich anzukommen, das ist es, was jene Stunden in einer Bar so wertvoll macht.

Der Barbesuch als Selbstfindung! Er wärmt selbst coole Businessmen – von innen. Oder, wie Billy Wilder behauptet: „Egal wie das Wetter ist: Raus aus den nassen Klamotten und rein in ’nen trockenen Martini.“

Das DOWNSTAIRS AT HARRISON´S ist eine neue Cocktailbar und Teil eines Restaurants in Balham im Süden von London. Die Gestaltung ist inspiriert von New Yorker Untergrundbars und soll mit den Ledersitzen und der Verwendung dunkler Hölzer an Bars längst vergangener Tage erinnern.

Der Cocktail mit dem Duft von Rosen –
Barman Clayton Gomes und seine Lieblings-Drinks

In jeder Stadt gibt es einige Bars. Manche sind mehr, manche weniger bekannt.
Es lohnt sich oft, gerade die weniger bekannten, die Geheimtipps zu besuchen. Wer beispielsweise in München beim Thema American Bar nur an das „Schumanns“ mit seinem legendären Charles denkt und dort trinkt, der macht niemals einen Fehler.

Und doch bringt er sich um manch anderes „Bar“-Vergnügen. So gibt es in München schließlich auch die wundervolle „Goldene Bar“ im Haus der Kunst, die holzgetäfelte „Tobacco Bar“ und unweit davon, im Bayerischen Hof, die fantastische „Falk’s Bar“. Und die aus der Schumanns Bar-Crew hervorgegangene „Bar Gabanyi“. Aber, da sind auch die wirklichen Geheimtipps: zum Beispiel „Mr. Mumble’s Bar“ am Rande des lebendigen Glockenbach-Viertels in der Klenzestraße 5.

Clayton Gille Gomes, 1977 in Guinea-Buissau geboren und in Portugal aufgewachsen, kam 2005 nach München. 2011 eröffnete er seine Mr. Mumble’s New Orleans Bar. Mehr als 300 Rezepte für Cocktails und Drinks hat er in seinem Kopf abgespeichert. Und immer noch werden es mehr. Denn wie jeder gute Barmann hat er Fantasie und ein wahnsinniges Gedächtnis. Wer jedenfalls einmal seine Bar besucht, an den kann sich Clayton immer ziemlich genau erinnern – umgekehrt ist es allerdings ebenso: Einen Besuch bei „Mr. Mumble’s“ vergisst auch der Gast nicht.

(Mr. Mumble’s Bar. Klenzestrasse 5. 80469 München. Tel. 089 – 95 44 16 17. www.mrmumbles-bar.de)

Hier verrät Barmann Clayton Gomes die Rezepturen von 5 seiner 300 Cocktails!

FRENCH TREMÉ

FRENCH TREMÉ

4cl Roggen-Whiskey
2cl Pfirsich-Likör
1cl Limonensaft
1cl Vanillesirup
7 Pfefferminzblätter
Aufgefüllt mit Champagner

„Dieser Cocktail verbindet die französischen Wurzeln der Stadt New Orleans mit einem leichten, sommerlichen Geschmack. Tremé ist ein Stadtviertel von New Orleans. Hier bekamen die Schwarzen in den USA erstmals eigene Rechte, um zum Beispiel einen Laden zu eröffnen oder sich ein Haus zu kaufen. Ich besuchte Tremé vor ein paar Jahren, war sehr beeindruckt von dem Ort und hoffe, dass mein Cocktail im Geschmack jene Freiheit und Lebensfreude erahnen lässt, die man in Tremé noch immer fühlen kann.“

BIG POPPA'S

4cl Roggen-Whiskey
2cl Cointreau
2 Schuss Angostura-Bitter
5 Pfefferminzblätter
3cl Limonensaft
2cl Hausgemachter Honigsirup
2cl Laphraoig, 10 Jahre alter Single Malt Whiskey

„Diesen Cocktail habe ich 2012 für einen Whisky-Liebhaber kreiert, der aber Scotch grundsätzlich ablehnte. Ich habe ihm dann heimlich Schottischen und Amerikanischen Whisky gemixt, und der Mann war vom Ergebnis ziemlich verblüfft. Der Geschmack dieses Drinks ist rauchig, sauer, trocken und frisch-minzig.“

VERONA'S SUNDOWN

2cl London Dry Gin
2cl Grüner Chartreuse-Likör
2cl Campari
2cl Limonensaft
2 Schuss Bitterorange

„Auf einer Reise nach Verona hatte ich die Idee zu diesem Drink. Es war meine erste Italienreise überhaupt, und in der Stadt von Romeo und Julia kam mir dann die Idee zu diesem sommerlichen Cocktail; etwas bitter und herb, etwas sauer – aber immer erfrischend!“

OLD SALLY'S

4cl London Dry Gin
2cl Holunderblütensirup
3cl Limettensaft
3cl Lycheesaft
4 Scheiben Gurke
Aufgefüllt mit Soda

„Das ist einer von Mr. Mumble’s Bestsellern bei Frauen. Er ist exotisch, sauer und sehr erfrischend. Ich habe festgestellt, dass Frauen Cocktails in der Anmutung wie auch im Geschmack gerne etwas exotisch und fruchtig mögen.“

SUMMER ROSE

4cl Wodka
2cl Rosenblüten-Likör
3cl Limonensaft
2cl Hausgemachter Honigsirup
1 Eiweiß

„Diesen leicht cremigen Drink habe ich für eine ganz besondere Dame entwickelt, die Rosen sehr liebt. Ich gestehe, sie ist meine Freundin. Natürlich schenke ich ihr jede Woche Rosen; und als ich es einmal nicht tat, da kreierte ich als Entschuldigung diesen Cocktail. In ihm findet man tatsächlich den Duft von Rosen. Und nicht nur meine Freundin liebt ihn.“

Text: Pascal Morché Ausgabe: Character 3

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