Unternehmen mit Tradition

Die Lichtgestalten von Lübeck

Manufaktur Carl Rotter

Wo Kristall eine Seele erhält:
Die Glasveredler der Manufaktur Carl Rotter gehören zu den Letzten ihrer Kunst.
Ihre einzigartigen Gefäße sind deshalb in aller Welt gefragt.

Augen, so heißt es, seien das Fenster zur menschlichen Seele. Können aber auch Artefakte eine Seele haben? Wenn sie Augen haben, die den Blick des Betrachters in ihr Innerstes ziehen?

Ein junger, hanseatisch wirkender Mann hebt mit langen Händen ein Kristallglas gegen das Licht. In den handgeschliffenen Linsen des Bechers scheint sich ein Tor zu öffnen. Seine Hand dreht das Glas, bis der Blick durch konkave Fenster in ein Kaleidoskop aus Formen und Farben eintaucht, das einer durchsichtigen Kathedrale gleicht. „So hat es schon mein Vater gesehen“, sagt der junge Mann, „und sein Vater vor ihm: durch unser Glas erscheint die Welt als Gegenwelt.“

In zwei Welten lebt auch Carl Rotter selbst, jüngster Sprößling einer fünf Generationen alten Glasschleifer-Dynastie. Gestern noch war er in Paris, auf der Design-Messe Maison et Objet. Heute steht er im Foyer eines Einfamilienhauses in einer deutschen Vorstadtsiedlung, trägt einen zünftigen Blaumann und sortiert bunte Gläser in durchsichtige Regale.

Familie und Betrieb gehören zusammen.

Birgit Rotter

DER HOFLIEFERANT SITZT IN DER SEITENSTRASSE

Die Elisenstraße 2 in Lübeck ist eine unscheinbare Adresse. Fern der Glitzerwelt von Mode und Design verbirgt sich hier eine der letzten deutschen Manufakturen für Glasschliff: Carl Rotter Glas, gegründet 1870 in Schlesien, nach dem Krieg nach Lübeck verlegt und dort zum Lieferanten von Königen und Partner von Star-Designern wie Ralph Lauren und Christian Dior geworden. Das Mittelklassehaus in einer Seitenstraße am Hang verrät nicht viel von diesem Glanz. Ein kleines, fast improvisiert wirkendes Lädchen im Eingangsbereich, ein paar alte Fotos an der Wand, untermalt von einem zunächst kaum merklichen Schleifgeräusch.

Bis zur Werkstatt sind es bloß ein paar Stufen. Anderswo könnte dies der Weg ins Wohnzimmer sein, in diesem Haus aber führt das Treppchen hinab in die goldene Vergangenheit des deutschen Handwerks. Hier entstehen an vier hölzernen Werkbänken exklusiv geschliffene Kunstwerke, wie sie in den Regalen der jordanischen Königin Rania stehen oder auf den Tischen und Anrichten von Claudia Schiffer, Michael Schumacher, Helmut Schmidt und den Scheichs von Abu Dhabi. Auch deutsche Adelshäuser ordern Vasen, Becher und Schalen mit ihren Wappen bei den norddeutschen Glasschleifern, den Lichtgestalten von Lübeck.

Perfekte Glaskunst: Barbara Thieß (l.) und Birgit Rotter veredeln die besonderen Gläser aus Lübeck.

WIE EIN GLAS SEINE AUGEN ERHÄLT

Der Glasveredler Matthias Schrön ist einer dieser raren Künstler, deren Hand dem Kristall eine eigene Seele einhauchen kann. Mehr als 150 Schliffe beherrscht der 30-Jährige – ein Grad der Perfektion, den er erst nach mehr als 14 Berufsjahren erreichen konnte. Schröns jugendliche Erscheinung kontrastiert mit seinem Arbeitsgerät, einer mattgrünen Gravurmaschine aus der Zeit der vierstelligen Postleitzahlen. Routiniert lässt Schrön die Drehscheibe auf dem hellblauen Kristallbecher Kreise tanzen. So verleiht er den „schwebenden Kugeln“, den runden Fenstern ins Innere des Bechers, unterschiedliche Transparenzen. „Die Augen sind am schwierigsten“, sagt Schrön, die Abstände, die Rundungen, die Transluzenz, also die Lichtdurchlässigkeit. Den Vorschliff macht er mit einem Diamanten, den Feinschliff mit Korund, einem speziellen Mineral, die Politur mit Korkrädern und Bimssteinmehl. Ein bis zwei Stunden sitzt Schrön an einem Becher, eine industrielle Arbeitsteilung gibt es nicht. Sogar das Design macht der Veredler selbst. Die Ideen kommen beim Schleifen“, sagt er. So wird jedes Stück Rotter Glas ein handsigniertes Unikat.

Handverlesen ist auch das Material. Bei den Glashütten reserviert Rotter die erste Schmelze, denn sie liefert das klarste Kristall. Bekannt sind die Lübecker zudem dafür, dass sie Überfangglas schleifen. Es besteht aus zwei mundgeblasenen Schichten, einer klaren und einer farbigen, und ermöglicht so das verblüffende Wechselspiel, das viele Rotter-Becher auszeichnet – allen voran den Kugelbecher, das Gefäß, das die Manufaktur weltberühmt gemacht hat.

BEETHOVEN UND SCHUBERT ALS INSPIRATION

Vorsichtig stellt Carl Rotter das älteste erhaltene Exemplar dieses Bechers auf Schröns Werkbank. Das Glas um die tief eingravierten Rundlinsen glänzt fahl, denn dies ist billiges Pressglas der Nachkriegszeit. „Mein Großvater, Carl Rotter, hatte sich das Kugelbohrverfahren schon Ende der Zwanziger Jahre patentieren lassen, als wir noch in Schlesien saßen“, erklärt der junge Carl Rotter. Zur Anwendung sollte die Idee erst 1949 kommen, nachdem die Familie in Lübeck gestrandet war.

In einem Flüchtlingslager hatte Carl Rotter senior, der Enkel des schlesischen Gründers, das Unternehmen neu gegründet. Rotter senior war nicht nur Schleifer, sondern auch ein begnadeter Musiker. So ersann er zu Beethoven und Schubert und dem Surren seiner Schleifräder neue Schliffe: Fischzüge, Quallen, Wellen, Gräser. Was in einer Baracke als „Schönheit für wenig Geld“ begonnen hatte, stand 1951 bereits auf der berühmten Designausstellung Triennale in Mailand. Mit der Zeit erweiterten die Rotters behutsam ihr Sortiment, es kamen neue Größen hinzu, Sektgläser, Flaschen und Schalen. Heute liegen die Preise zwischen 70 Euro für ein Schnapsglas und 625 Euro für eine Karaffe, exklusive Einzelstücke wie die Vase „Marilyns Diamonds“ liegen deutlich darüber.

Auge in Auge: Glasveredler Karl-Heinz Krönert prüft eingehend die sogenannten Augen eines Rotter-Glases.

QUALITÄTSKONTROLLE AN DER SPÜLE

Obwohl Rotter Glas heute mit internationalen Marken wie Hermès konkurriert, ist den Lübeckern der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. „Familie und Betrieb gehören zusammen“, sagt Birgit Rotter. Mit seinen 24 Jahren studiert Sohn Carl noch Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. Seine Mutter Birgit hat mittlerweile die Leitung der Firma von ihrem Mann Wolfgang übernommen. Später will Carl den Betrieb einmal weiterführen. Derzeit hat die Firma neun Mitarbeiter. Der Meister des Betriebs, Sascha Borgwardt, 40, kam schon mit 16 Jahren als Praktikant zu Rotter. Feste Mitglieder des Betriebs sind außerdem Labrador Retriever Sandy und die graue Tigerkatze Trudi.

Die Qualitätskontrolle der edlen Gefäße übernimmt Olga Hahn, Russlanddeutsche aus Sibirien. Sie steht in Küchenschürze an Deutschlands edelster Spüle. Dabei könnte das Becken auf den ersten Blick in einer Studenten-WG stehen – wenn die scheinende Glasware nicht wäre. Frau Hahn wienert einen blauen Überfangbecher, studiert ihn und urteilt: „Der Rand hat eine Flinse.“ Den winzigen Sprung markiert sie mit einem Stift. Dann gibt sie das Glas eine halbe Treppe hinunter in die Werkstatt zurück.

Durch unser Glas erscheint die Welt als Gegenwelt.

Wolfgang Rotter
(Sohn des Firmengründers Carl Rotter)

KAUM NACHWUCHS FÜR DIE ALTE GLASKUNST

„Was wir machen, ist so perfekt, dass es auch die Asiaten nicht kopieren können“, sagt Birigt Rotter. Aber auch in Deutschland gibt es kaum Nachwuchs. „Unsere Kunst wird nur noch an einer Handvoll Glasfachschulen gelehrt“, so Matthias Schrön. Es gibt noch eine Handvoll Betriebe, die ausbilden, und vier Glasfachschulen in Deutschland. Wenn man die Glasfachschule verlässt, lernt man im Unternehmen intensiv weiter. Doch es gibt auch hin und wieder Initiativ-Bewerber, da die Kunst, Glas zu veredeln, immer noch Menschen in ihren Bann zieht.

Für Carl Rotter ist die Manufaktur deshalb „ein Kleinod“, das es zu erhalten gilt. Der Wirtschaftsstudent weiß, dass nur wenige Unternehmen länger als zwei, drei Generationen überleben: „Wer sich nicht anpasst, verschwindet.“ Daher will er, wenn er den Betrieb in ein paar Jahren übernimmt, auf behutsames Wachstum setzen. Der Auslandsanteil soll zunehmen, das Marketingbudget steigen, mehr Überfangglas geschliffen werden. In die Rolle des Nachfolgers habe ihn glücklicherweise niemand gedrängt, betont der junge Mann. So habe er sich im Studium häufig fragen müssen, ob es sich lohnt zu kämpfen. Irgendwann fiel die Entscheidung: „Definitiv ja.“ In seiner Hand dreht er den Kugelbecher des Großvaters, ein Glas mit 77 Augen. Wie sich das Licht in ihnen bricht, schauen sie gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen.

Text: Hilmar Poganatz Ausgabe: Character 2

Diesen Artikel empfehlen

Artikel per E-Mail versenden Artikel auf Facebook teilen Artikel auf Google+ teilen Artikel auf Xing teilen Artikel auf Twitter teilen Artikel auf Pinterest teilen