Unternehmen mit Tradition

Knöpfe für die Welt

Union Knopf

König Ludwig der XIV. beschäftigte einen persönlichen Knopfmacher.
Kein ­Wunder, seine Staatsrobe war mit 104 Diamantknöpfen besetzt. Heute, in Zeiten der industriellen Produktion, müssen sich Knopfhersteller etwas einfallen lassen, um zu bestehen. Die mehr als 100 Jahre alte Union Knopf-Gruppe in Bielefeld hat es ­verstanden, sich immer wieder neu zu erfinden.

Viele dieser Modelle könnten wir heute gar nicht mehr herstellen.

Martin Dolleschel,
geschäftsführender Gesellschafter der Union Knopf-Gruppe

Wenn sich Martin Dolleschel allzu sehr ärgert, greift er zur Schere. Mit ein, zwei Schnitten trennt er dann die Knöpfe von Sakko oder Mantel, nimmt Nadel und Faden und näht neue Verschlüsse an. Hochwertigere. Passendere. Auf jeden Fall solche, die ihm gefallen. „Für hässliche Knöpfe habe ich keine Toleranz“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Union Knopf-Gruppe. Das ist keine Marotte, sondern Passion. Und Mission. Wer Zweifel hat, dass Verschlüsse den Charakter eines Kleidungsstücks prägen und verändern können, dem hält Dolleschel das Beispiel eines dunkelblauen Sakkos entgegen: „Mit schlichten schwarzen Knöpfen aus Horn ist es businesslike. Aufwendig gearbeitete goldene Knöpfe machen es elegant und zur passenden Garderobe für jeden hanseatischen Poloclub.“

Das Familienunternehmen Union Knopf ist der größte europäische Hersteller von Knöpfen. Der Großvater hatte das Unternehmen 1911 gegründet – in Berlin, dem damaligen Zentrum der Konfektion. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Neustart in der Leinenstadt Bielefeld. Dass der Enkel, Jahrgang 1965, einmal die Tradition fortsetzen würde, zeichnete sich früh ab. „Ich war schon in jungen Jahren von Knöpfen infiziert“, sagt Dolleschel. Er erzählt von der Vielzahl der Formen, Farben und Größen. Von den verschiedenen Materialien. Von den Knopfrändern, die mal kantig, mal glatt sind. Und von den Löchern – von denen es keineswegs immer vier geben muss. So viele Ideen für ein vermeintlich einfaches Produkt, dessen wichtigste Aufgabe es doch eigentlich ist, Kleidung zusammenzuhalten. Ob das mancher bedenkt, der sich morgens hastig Hemd oder Bluse, Hose oder Mantel zuknöpft? Und dem Knöpfe manchmal erst dann auffallen, wenn sie nicht mehr da sind, weil sie abgerissen wurden?

GEFRÄST, GEDREHT, GELOCHT, GEFÄRBT

„Knopfmacher“ war im Mittelalter ein angesehener Beruf. Die Knopfmacherordnung Württemberg von 1719 verlangte eine sechsjährige Lehrzeit. Mit Beginn der industriellen Produktion geriet die Handarbeit dann allmählich ins Abseits. Der Vielfalt und dem Ideenreichtum der Branche tat das keinen Abbruch. Dolleschel nimmt einen dicken „Kontrollkatalog“ aus den Jahren um 1850 zur Hand. Das Stück aus edlem dunkelblauem Stoff stammt aus dem Archiv eines französischen Knopfmacherbetriebs, den der Vater einst übernommen hatte. Auf jeder Katalogseite ist gut ein Dutzend verschiedener Knöpfe angenäht – meist handelt es sich um kunstvolle Handarbeiten aus wertvollen, seltenen Materialien. „Viele dieser Modelle könnten wir heute gar nicht mehr herstellen“, betont Martin Dolleschel.

Die Produktion von Knöpfen ist eine auf­wendige Sache – einmal abgesehen von den Kunststoff-Exemplaren, die in hunderttausendfacher Ausfertigung von Spritzgussmaschinen ausgespuckt werden. Jedes Stück wird während der Produktion mehrfach in die Hand genommen. Da wird gefräst, gedreht, getrommelt, gelocht, galvanisiert, gefärbt. Und das so lange, bis die Knopfformen perfekt sind, ihre Farbe nicht verlieren und keine gesundheitsgefährdenden Stoffe absondern. An einem vergleichsweise teuren Standort wie Deutschland ist das schon lange nicht mehr auskömmlich zu machen. Union Knopf hat schon in den 90er-Jahren reagiert und eine Produktion in Polen aufgebaut. Später folgte eine weitere Fertigung in China. In der Firmenzentrale in Bielefeld fertigt Union Knopf heute nur noch Musterstücke und kleine Serien.

Knopf-Katalog: Jeder Knopf wird akribisch erfasst

Rund und bunt: Die Knöpfe in der Färberei. Die Farben werden per Hand angerührt

Kunst im Miniatur-Format: Aufwendig gearbeitete Knöpfe aus der Zeit um 1850

Klassisch: ein historischer Kontrollkatalog für Knöpfe

Martin Dolleschel im Gespräch

DER GARANT FÜR QUALITÄT

Der frühzeitige Schritt ins Ausland, so sagt Dolleschel, sei einer der Gründe, warum das Familienunternehmen heute erfolgreich sei. Mancher deutsche Mitbewerber, der zu lange an seiner Scholle festgehalten habe, sei verschwunden. „Man muss mit den Kunden gehen. Tradition ist so lange schön, wie sie eine Marktberechtigung hat“, sagt der Unternehmer.

Die Fabriken in Polen und China, in denen jeweils mehrere Hundert Mitarbeiter tätig sind, gehören Union Knopf. Die Bielefelder meiden Joint Ventures, und Aufträge an Dritte kommen für sie schon gar nicht infrage. So können sie für ihre Qualität ­garantieren – vor allem aber sind sie so besser geschützt vor Produktpiraten. Ideenklau ist wie überall in der Mode auch für Knopfmacher ein Problem. Union Knopf beschäftigt ein Design-Team, das mit dem Input von internationalen Trendscouts zweimal im Jahr etwa 500 neue Modelle kreiert. Da sind mitunter hochmodische, teure Exemplare darunter, von denen vielleicht nur ein paar Zehntausend verkauft werden. An exklusive Schneider beispielsweise, die wissen, dass ihre edlen Stücke ebensolche Verschlüsse haben müssen, um nicht an Wertigkeit einzubüßen. Oder an Hobby-Schneider, die ihre selbst genähten Stücke mit besonderen Knöpfen veredeln wollen.

Union Knopf bedient das mittlere und gehobene Genre. Aber die Ostwestfalen brauchen auch Volumen-Aufträge. Große Stückzahlen, die heute schwieriger zu ergattern sind als vor fünf, zehn Jahren. Namen von Kunden kommen dem Chef nicht über die Lippen. Aber es ist kein Geheimnis, dass das Familienunternehmen die gesamte europäische Bekleidungs­industrie und auch Anbieter aus Asien und Amerika beliefert.

Für hässliche Knöpfe habe ich keine Toleranz.

Martin Dolleschel

VOM KNOPF ZUM MÖBEL

Um sich ein wenig unabhängiger von der schnelllebigen Modebranche zu machen, fertigt Union Knopf seit Ende der 70er-Jahre auch Griffe und Accessoires für die Möbelindustrie. Martin Dolleschel sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Kundengruppen. „Die Kollektionen inspirieren sich gegenseitig“, betont er. Hinzu kommt, dass viele Möbelbauer ebenfalls in der Region zu Hause sind; das macht es leichter, im Gespräch zu bleiben.

Dolleschels Liebe aber bleiben vor allem die Knöpfe. Er ist weiter auf der Suche nach Formvollendung. Nach Harmonie. Nach dem idealen Verhältnis zwischen Knopf und Knopfloch. Mit alternativen Verschlüssen darf man ihm nicht kommen. Reiß- oder Klettverschlüsse? „Können einen guten Knopf nicht ersetzen“, betont er. Wie gut ein Knopf verarbeitet ist, kann auch ein Fachmann wie Dolleschel manchmal nicht gleich erkennen. Dann dreht er ihn um. Dort, auf der Rückseite, zeigt sich die Qualität des Verschlusses: Sind dort Farbnasen, Fräse- oder Spritzgussrückstände sicht- oder fühlbar? Ein guter Knopf ist ganzheitlich abgeschliffen und veredelt. Und manchmal, je nach Material und Produkt, findet sich auf dem Rücken auch ein „U“ – für „Union Knopf“.

NATUR PUR

Knöpfe aus Horn? Schön klassisch. Für Endverbraucher eher ­unbekannt sind Verschlüsse aus exotisch anmutenden Roh­stoffen. Aus Steinnuss zum Beispiel. Das ist die Frucht einer Palme, die vor allem in Mittel- und Südamerika wächst. Sie ist hart wie Knochen und verfügt über eine wunderschöne Marmorierung. Die Steinnuss gilt als „pflanzliches Elfenbein“ und ist seit mehr als 100 Jahren ein beliebter Grundstoff für Knöpfe. Oder wie wäre es mit Verschlüssen aus Obstkernen, Schneckenhäusern, Strandfundstücken, rund gewaschenen Hölzern, Gläsern oder Muscheln? Alles möglich, alles erhältlich. Jedes Knopfmaterial hat seine besonderen Eigenschaften. Eukalyptuskerne zum Beispiel sondern bereits bei leichter Erwärmung heilende ätherische Öle ab.

Knöpfe sind eine kleine Wissenschaft. Wer sie erfunden hat – darüber streiten die Experten. Sicher ist: Lange vor dem Knopf gab es die Fibel, eine verzierte Spange zum Zusammenheften der Kleider. Dann kam der Knebel, meist aus Knochen oder Tierzähnen, um den man eine Schlaufe legen konnte. Wann und wo das Loch zum Knopf erfunden wurde, ist nicht bekannt. Ungelöst ist auch eine andere Frage: Warum sind die Knöpfe bei den Herren rechts und bei den Damen links? Eine mögliche Erklärung: Wohlhabende Frauen im 19. Jahrhundert hatten Zofen, die ihnen beim Ankleiden halfen. Damit ihre Bedienstete besser die Bluse schließen konnte, waren die Knöpfe links.

Text: Stefan Weber Ausgabe: Character 6

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