Werte im Wandel

Fluch oder Segen

Moderne Technik kontra selbstständiges Denken

Früher galt das Schachspiel als Heiliger Gral. Niemals wäre eine Maschine in der Lage, einen Menschen schachmatt zu setzen. Dann könnte sie ja denken – und damit den Homo sapiens
auch auf andere intelligente Weise unterstützen, wenn nicht sogar ersetzen. Doch genau das ist längst geschehen. Viel wichtiger ist deshalb die Frage, inwieweit die Technik sich bereits in unserem selbstständigen Denken und Handeln breit gemacht und die Führung übernommen hat.

Ein Leben ohne elektronische Unterstützung ist für die meisten Bürger mittlerweile undenkbar. Viele können ohne Park Distance Control nicht mehr einparken oder ohne die angenehme Stimme der Navigationsdame den Weg nach Hause finden. Ganz zu schweigen von der Rechenmaschine – oder wer kann im Kopf 38 × 19 × 37 multiplizieren oder die Quadrat-Wurzel aus 529 ziehen? Natürlich sind alle diese Computerleistungen bequem, erleichtern das Leben ungemein und ersparen uns darüber hinaus jede Menge Zeit. Dennoch ist angesichts des rasanten Technologie-Siegeszugs die Frage erlaubt: Wer beherrscht wen? Wir die Technik oder die Technik uns?

WER BEHERRSCHT WEN?

Nicht nur in Forschung, Medizin, Wirtschaft oder den Medien ist Technik allgegenwärtig. Auch im täglichen Leben ist sie konsequent auf dem Vormarsch. Der smarte Kühlschrank informiert den Besitzer, dass die saure Sahne nur noch bis morgen haltbar ist. Heizungen, Lampen oder Jalousien lassen sich aus weiter Ferne steuern, und der Staubsauger braucht niemanden mehr, der ihm die Stange hält. Der komplett computergesteuerte Haushalt ist längst keine Illusion mehr. Und der Deutschen liebstes Spielzeug, das Auto, wird in ein paar Jahren sicher von ganz allein seinen Weg von A nach B finden.

Künstliche Intelligenz dient also unserer natürlichen Dummheit und – ohne dass wir es merken – fördert sie sogar. So nehmen wir ständig die Dienste von Suchmaschinen in Anspruch, die uns in unserer schnelllebigen, erfolgs- und zielorientierten Zeit permanent auf Knopfdruck mit Informationen füttern. Das Rechtschreibprogramm in unserem PC bewahrt uns vor der Blamage eines Tippfehlers, die Pulsuhr beim Joggen ersetzt das angeborene Körpergefühl. Elektronische Bücher erkennen, welche Passagen wir bereits gelesen haben, fast alle Smartphones sind mit Sprachprozessoren ausgestattet, sind lernfähig und gewöhnen sich an ihren Besitzer und dessen Art zu leben. Und damit wir uns diese Informationen nicht merken müssen, speichern wir sie jederzeit griffbereit in Datenclouds. KI dringt also immer weiter in unser Leben ein. Müssen wir uns bald vor ihr schützen?

KÜNSTLICH INTELLIGENZ UND NATÜRLICHE DUMMHEIT

Viele bekannte Wissenschaftler, darunter der Physiker Stephen Hawking oder der Unternehmer Elon Musk, haben darauf hingewiesen, dass die größte Bedrohung für die Menschheit nicht die Atombombe, sondern die unkontrollierte Entwicklung künstlicher Intelligenz ist. Tesla-Gründer Musk rief 2015 die Organisation „Open AI“ ins Leben, um zu verhindern, dass die Menschheit eines Tages von einer übermächtigen künstlichen Intelligenz unterjocht wird. „Open AI“ soll dabei helfen, KI in die richtige Richtung zu lenken. Der Brite Hawking warnt, dass die vom Menschen geschaffenen Maschinen eines Tages klüger werden können als ihre Schöpfer und eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen. Die Ironie dabei: Mit seinen Forschungen auf dem Gebiet der Astrophysik hat Hawking selbst einen gewaltigen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt geleistet. „Ich bin ein Optimist“, sagt er. „Ich glaube, dass die Menschheit die Gefahren erkennen und in den Griff kriegen kann.“

Wäre nicht schlecht, denn die Technik kann, bei all ihren Vorteilen, auch abhängig machen. Lieber schnell mal googeln, anstatt nachzudenken oder Gelerntes abzurufen. Und wissen wir überhaupt noch, was wir kaufen sollen, wenn es uns der Algorithmus von Amazon nicht vorschlägt? Sehr beliebt sind auch Nachrichten aus dem Urlaub per Instagram, Snapchat, WhatsApp oder ganz altmodisch per SMS und E-Mail – doch wehe, wenn das WLAN nicht funktioniert oder kein Netz da ist. Es soll sogar Menschen geben, die keine Postkarten mehr kaufen – aus Angst, belächelt zu werden. Dabei gibt es nicht wenige Empfänger, die sich über so ein buntes Ding mit ein paar lustigen Zeilen freuen, weil es persönlicher ist und man die Karten an den möglicherweise smarten Kühlschrank pappen kann.

RÜCKWÄRTS EINPARKEN OHNE HILFE?

Sind wir also unmodern, ja, altmodisch, wenn wir die Technik gelegentlich mal beiseite schieben? Nein. Es ist bekannt, dass viele Menschen nach wie vor sehr gern Bücher zwischen zwei Buchdeckeln kaufen und Eselsohren in Seiten knicken, um Kapitel ganz bewusst zwei oder drei Mal zu lesen. Dass sie Briefe mit der Hand schreiben, weil es Spaß macht und die eigene Rechtschreibfähigkeit testet. Andere trainieren beim Autofahren ihre grauen Zellen, indem sie sich immer wieder die Rotbuche an der Ecke merken, um zu ihrem Steuerberater zu finden. Oder sie parken ohne Kontrollsystem ganz allein rückwärts ihren nagelneuen VW-Käfer ein. Andere wagen es sogar und joggen ohne Pulsuhr.

Das Gehirn auf Trab zu halten, es immer wieder neu herauszufordern, ist ungeheuer wichtig. Ohne Training, ohne „Hausaufgaben“ wird dieses so wichtige Organ des Menschen bequem, müde, faul und manchmal sogar dumm. Unser Gehirn arbeitet ähnlich wie ein großer Computer, nur viel komplexer. Denn mit dem Gehirn denken wir – und fühlen wir. Und solch ein bisschen Gefühl und Empathie wünschen wir uns schließlich auch von unserem Gegenüber, etwa vom Bankberater oder vom Zahnarzt. Wer kann sich schon ernsthaft Roboter als Pflegekräfte vorstellen?

MODERNE TECHNIK BERÄT, BESCHÜTZT, BEWAHRT

Dennoch: Als Assistent ist die neue Technik auch etwas Wunderbares. Sie hilft, sie schützt, sie unterstützt, sie berät, sie bewahrt. Doch ebenso spült sie ununterbrochen den Stress und den Druck in unser Leben. Also einfach mal das iPhone ausschalten und mit dem Auto ins Blaue fahren. Im Urlaub zu Fuß eine Stadt erkunden – ohne dauernd aufs GPS zu starren. Eindrücke sammeln, Gedanken schweifen lassen, vom ersten Tageslicht wecken lassen. Einfach man selbst sein und seinen Fähigkeiten vertrauen.

Menschen die das nicht tun, laufen Gefahr, sich abhängig zu machen. Der kluge Mensch setzt sich mit der Wirkung und den Auswirkungen der Technik auseinander, entscheidet selbstständig, was für ihn positiv oder negativ ist. Kurz, er benutzt die moderne Technik als ein Hilfsmittel. Nicht als Stop-Think-Maschine.

Text: Dona Kujacinski Ausgabe: Character 10

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