Werte im Wandel

Vom Glauben abgefallen?

200.000 Kirchenaustritte pro Jahr. Gotteshäuser, die zu Restaurants und Turnhallen umgebaut werden. Glaubt Deutschland nicht mehr an Gott? Oder hat die Kirche hierzulande ein Imageproblem?

Egal welcher der beiden christlichen Konfessionen der moderne Mensch 2014 in Deutschland angehört, in seinem Leben tritt er oft nur noch viermal mit der Kirche in Kontakt. Viermal!

Beim ersten Mal kann er dazu nicht Nein sagen. Nur wenige Monate alt wird er getauft, und seine Eltern erwarten sich ein Fest. Zu seiner zweiten Begegnung mit der Institution Kirche will er nicht Nein sagen. Zwar pubertiert er jetzt, ist gegen alles und alle, aber macht Kommunion oder Konfirmation für weltliche Geschenke wie Mountainbike oder iPad doch ganz gerne mit. Die dritte Berührung mit der Kirche ist die Hochzeit. Häufig darf er zur kirchlichen Trauung nicht Nein sagen. Für viele junge Paare bleibt der Segen vor dem Altar der Inbegriff des Starts ins Eheleben. Bei seiner vierten Begegnung mit Gottes Institution auf Erden hat der moderne Mensch nichts mehr zu sagen: Er ist tot. Danach: Erde zu Erde, Asche zu Asche, und das war’s!

Dazwischen sonntägiges Ausschlafen. Sport und Hobby statt Gottesdienst. Bibelfilme zu Ostern. Und gegen Ende des Jahres mutiert so mancher zum „Weihnachtschristen“. Die Deutschen – so scheint es – verlieren ihren Glauben an Gott. Oder zumindest an die Institution Kirche. Studien der evangelischen wie der katholischen Kirche zeigen: Beide Fraktionen büßen in Deutschland zu etwa gleichen Anteilen mehr als 200.000 Mitglieder pro Jahr ein.

Früher Kirche, heute Restaurant: Das „Glück und Seligkeit“ in Bielefeld bietet Gästen mehr als Hostien und Messwein.

EVOLUTIONSTHEORIE STATT SCHÖPFUNGSGESCHICHTE

Ja, es gibt auch noch die treuen Gläubigen unter den 24 Millionen Mitgliedern der beiden christlichen Kirchen in Deutschland. Menschen, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen, Kontakte zur Pfarrei pflegen und an jenen Gott glauben, der sich in Jesus Christus zu erkennen gab. Doch auch von ihnen sprechen sich zwei Drittel gegen eine wortwörtliche Auslegung der Bibel aus. Aufgeklärt und der Ratio folgend, bejahen selbst Kirchenmitglieder heute die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften und die Abkehr von einem Sexualverständnis biblischer Zeiten. Evolutionstheorie statt Schöpfungsgeschichte.

In der alten Bundesrepublik galten einige Großinstitutionen unantastbar als Stützen der Gesellschaft. Das Rote Kreuz gehörte dazu, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die großen Volksparteien, der Deutsche Gewerkschaftsbund und: die Kirche. Institutionen, die für Werte wie Sicherheit, Gerechtigkeit, Bildung standen. Doch gegenüber denen, die gerne Anspruch auf solche Werte erklären, sind wir kritischer und sensibler geworden. Wir fragen, statt zu glauben. Fragen auch bei jeder Mitgliedschaft: Was bringt sie mir? Tatsächlich sind oft finanzielle Erwägungen ausschlaggebend für Kirchenaustritte. Die wirklich tief greifenden Ursachen der Entwicklung, die der „Volkskirche“ ihre Grundlagen entzog, liegen jedoch in gesellschaftlichen Prozessen, in einem Wertewandel, auf den die Kirchen selbst keinen Einfluss haben.

DEMOGRAFIE HEISST DAS PROBLEM

Da ist vor allem die Auflösung des klassischen Familienbildes und mit ihm der geschlossenen konfessionellen Milieus. Da ist die Allgegenwart einer pluralen, säkularen und von rationalem Handeln bestimmten Welt. Allein die Scheidungsquoten zeigen, wie sehr die alte Vater-Mutter-Kind-Familie wankt. Neue Lebensformen werden gesucht und auch gefunden. Religiöses Denken, das meist in der Kindheit und Jugend geprägt wird, geht dabei verloren.

So ist der entscheidende Aspekt heute die Demografie: Die „praktizierenden“ Christen sterben aus, junge wachsen nicht nach. In der jüngsten befragten Generation, den 14- bis 21-Jährigen, sagen nur noch weniger als die Hälfte, dass sie religiös erzogen wurden. Dies gilt sogar für die Kinder von Kirchenmitgliedern. Von den Konfessionslosen in diesem Alter berichten nur noch acht Prozent im Westen und 14 Prozent in Ostdeutschland über eine religiöse Erziehung, so die jüngste Studie der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) zur „Erhebung der Kirchenmitgliedschaft“.

Kirchen bleiben leer, nicht selten werden sie verkauft. Gotteshäuser als beliebte Immobilien, um nun zum Beispiel als Turnhalle (St. Maximin Kirche, Trier), als Restaurant (Martini Kirche, Bielefeld) oder als Sparkasse zu dienen (Dorfkirche im brandenburgischen Milow).

Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.

Albert Schweizer

DIE „SEELSORGE“ HABEN ANDERE ÜBERNOMMEN

Nicht-Gläubigkeit ist bekenntnisfähig geworden. Soziale Netzwerke haben abgelöst, was die Kirche an menschlichem Kontakt in der Gemeinde bieten konnte. Ebenso haben städtische und staatliche Einrichtungen zur Bewältigung sozialer und psychischer Krisen das religiöse „Kerngeschäft“, die seelsorgerische Arbeit, übernommen oder gar abgelöst. Längst hat der Sozialstaat die einstige Funktion der Kirche übernommen. Anstelle des antiquierten Begriffs der Almosen zum Beispiel ist die Überweisung der Agentur für Arbeit getreten, etwa in Form von Hartz IV.

Es geht uns so gut, dass wir die Trost spendende Kirche nicht mehr brauchen. Wir Luxusweltenbewohner der Neuzeit haben vergessen, was für ein mächtiger Verbündeter Gott für unsere Altvorderen war. Wie anders hätten sie das Elend der Jahrhunderte ertragen und überleben sollen: Seuchen, Kriege, Kindersterben, Naturkatastrophen, Krankheiten …? Und die ständige Anwesenheit des Teufels in finsteren Nächten?

Wer heute nicht mehr in die Kirche geht, bekommt seine „Kirchenerfahrung“ aus den Medien. Das Bild, das dort von den Amtsträgern der Kirche gezeigt wird, macht es leicht, vom Glauben abzufallen. Es ist jedenfalls auffällig, dass stets Themen wie der Umgang mit Sexualität, Empfängnisverhütung, Homosexualität, Ehe und Ehescheidung genannt werden, wenn sich Menschen zu ihrem Unbehagen gegenüber den Kirchen äußern. Missbrauchsskandale, ein Limburger Protzbischof oder eine vergewaltigte Frau, die von zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen wird, weil sie die in solchen Fällen übliche „Pille danach“ nicht verschreiben dürfen, bewegen natürlich die Gemüter. Außerdem lässt die tägliche weltweite Nachrichtenlage ohnehin am Glauben zweifeln. Sie macht nämlich schnell klar: Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird auf der Welt noch im Zeichen der Religion Krieg geführt und gemordet.

DER GLAUBE HÄNGT NICHT AN DER KIRCHE

Niemand muss heute in einer Kirche sein, um an Gott zu glauben, um den Wert der Zehn Gebote, jenes „Zehn-Punkte-Programms eines jeden zivilisierten Zusammenlebens“ zu akzeptieren. An die dazu gelieferten, durchaus poesievollen biblischen Geschichten von Moses und Schiefertafeln muss man dafür ebenso wenig glauben wie an die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Wer nun meint, dass in unserer technisierten Gegenwart und unserem rational gelenkten Leben kein Platz oder kein Interesse mehr für die Basis der christlichen Kirche, den Glauben, vorhanden ist, der irrt.

Eine Gesellschaft aus Konsumismus und Materialismus, der spirituellen Leere und Traditionsvergessenheit sucht Werte, die sie durchaus in der Kirche finden könnte – und würde. Dafür müsste sich die Kirche allerdings ebenso wandeln wie die Gesellschaft selbst. Ihre eigentlichen Werte und Inhalte bräuchte sie dafür nicht zu verraten. So aber ist sie eine überkommene Institution, regiert von alten Männern mit schlechtem Marketing – und mit Moralvorstellungen, die von einer modernen Gesellschaft nicht mehr kritiklos hingenommen werden. Dass die Kirche sich dessen bewusst ist, beweist der neue Papst Franziskus.

Solange die Kirche dieses Bild von sich gibt, kann sie unsere Sehnsucht nach Spiritualität und nach wahren Werten nicht erfüllen. Als Reaktion freut sich dann der moderne, rational bestimmte, an Naturwissenschaften glaubende Mensch über jede neue fernöstliche Weisheitslehre und sehnt Wunder herbei, an die er gerne glauben möchte.

Text: Pascal Morché Ausgabe: Character 4

Diesen Artikel empfehlen

Artikel per E-Mail versenden Artikel auf Facebook teilen Artikel auf Google+ teilen Artikel auf Xing teilen Artikel auf Twitter teilen Artikel auf Pinterest teilen