Werte im Wandel

Vom Neuen und von Neuem

Warum uns Unbekanntes fasziniert und zugleich verstört

Im Neuen liegt Hoffnung: Alles ist neu irgendwie immer besser, schöner, schneller, effektiver, eleganter … zumindest so lange, bis es eben nicht mehr neu ist, bis wir uns daran gewöhnt haben. Bis dahin aber gilt: Der neue Anzug sitzt besser als der alte; das neue Auto fährt angenehmer; das neue Mobiltelefon kann mehr als das alte und das neue Schmerzmittel vertreibt die Kopfschmerzen schneller als alles bisher Geschluckte. Sofern wir nicht pathologisch pessimistisch sind, werden wir mit Neuem meistens etwas Positives verbinden. Wohlgemerkt: Meistens. Nicht immer!

SIEHE, ICH MACHE ALLES NEU.

Johannes der Täufer

Wir freuen uns auf das Neue – obwohl (und gerade weil) wir wissen, dass es uns in unseren Gewohnheiten stört. Klingt unromantisch, aber: Neu stört! Und zwar gewaltig. Das beweisen die vielen „Störer“. Jene Buttons, Schilder und Etiketten mit aggressiv gezacktem Rand, die uns grell, schrill und laut anschreien und auf denen „Neu“ steht. Sehr oft auch: „Jetzt neu“, oder natürlich: „New“. Erfunden haben den Begriff „Störer“ die Werber, also jener Berufsstand, der immer auf der Suche ist, wie er uns etwas als „Neu“, als „Brandneu“, als „Mega-Aktuell“ oder als „Das Neueste“ verkaufen kann. Werbefachleute sprechen bei Störer-Aufklebern von einem grafischen Element, das sich von seiner Umgebung abhebt und so den Gesamteindruck eines Bildes, Produkts oder Schaufensters mit dem Wort „Neu“ stört.

Und so macht die Werbung der Media- und Baumärkte auch vom Störer so penetrant Gebrauch, wie sie mit den drei Buchstaben hemmungslos Zahnpastatuben, Waschpulverkartons oder Frischkäsepackungen zupflastert. Das Staunen, das die drei Buchstaben „n“ „e“ und „u“ dann bei uns auslösen, ist ein ungläubiges: Das angeblich neue Waschpulver wird das alte sein. Billige Versprechen von Neuem – dieser Novitätenzwang, diese krankhafte Neomanie – haben wir als aufgeklärte Konsumenten, stilvolle Genießer und kritische Verbraucher längst durchschaut. Und dennoch sehnen wir uns nach Neuem.

IM NEUBEGINN LIEGEN KREATIVITÄT UND STÄRKE

Denn was jeder von uns sucht, ist das Neue als (Los)-Lösung vom Alten – das „Noch-nie-Dagewesene“ zu entdecken, das „Unerhörte“ zu hören. Von Johannes dem Täufer („Siehe, ich mache alles neu“) bis zum trendigen New Faces-Award sind wir auf der Suche nach jenem Neuen, das vor allem ein grundsätzlicher Neuanfang sein soll. Warum? Weil wir ahnen, dass wir nie so stark und nie so kreativ sind wie in diesem allerersten Moment, in dem wir dem Neuen begegnen. Nie sind wir näher bei uns, weil es auch niemals wieder so viele Möglichkeiten geben wird, alles richtig zu machen. Ob im Job, mit einem neuen Partner oder an einem neuen Wohnort: Im Neuanfang erleben wir uns in existenzieller Schwerelosigkeit. Schließlich gilt auch heute noch: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Diese Erkenntnis ist ebenso schön wie richtig und steht in Herrmann Hesses berühmtem Gedicht „Stufen“.

IM NEUANFANG ERLEBEN WIR UNS IN EXISTENZIELLER SCHWERELOSIGKEIT.

Also: Reset? Stecker ziehen? Neu starten? Wenn es nur so einfach wäre: Das Alte nehmen wir immer mit! Und deshalb bedeutet der wirkliche Neuanfang einiges mehr, als sich nur neuen Verlockungen hinzugeben. Das macht zwar auch Spaß, aber wer sich „nur“ einen neuen Koffer oder ein neues Auto kauft, erliegt meist einem Placebo des Neuen – und versenkt dann im neuen Koffer die alten Sachen, fährt mit dem neuen Auto wieder die alten Wege und ärgert sich am neuen Wohnort über Unzulänglichkeiten, die es am alten auch schon gab. Weil wir das wissen, stehen wir dem existenziell Neuen zunächst misstrauisch gegenüber. Das gilt für Männer meist stärker als für Frauen: An Frauen richtet sich stets die neueste Mode und viele Frauen pflegen eine – für einen Mann schwer nachvollziehbare – Liebe zu ihrem Friseurtermin: Während Männer unter den Scherenhänden flehen: „Schneiden sie bitte so, dass ich aussehe, als sei ich nicht hier gewesen“, sagen Frauen: „Ich will mich fühlen wie ein neuer Mensch.“ Dabei mag so mancher Mann an den Dramatiker Heiner Müller denken, der befand: „Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken.“ Damit meinte Müller eben nicht neues Auto, neue Wohnung oder neuen Job, sondern jenen Epochenbruch, der stets mit Neuem beginnt – und bei vielen erst einmal für Verunsicherung sorgt.

Wenn wir nämlich das Neue aus eigenem Antrieb wollen, freuen wir uns darauf und darüber – sei es ein neues Mobiltelefon, neue Kleidung oder ein neues Möbelstück. Wird uns das Neue aber von außen diktiert und kommt es, ohne dass wir uns ihm entziehen können, macht es uns misstrauisch und erschreckt uns. Ob gegen Eisenbahn, Jugendstil, Gen-Manipulation, Bauhaus oder Rechtschreibreform: Zunächst hagelt es Protest gegen das Neue. Die schnelle Fahrt in der Eisenbahn könne zu Rückenmarkserkrankungen führen, mutmaßte man im 19. Jahrhundert. Der Jugendstil zersetze die Moral, das Bauhaus sei zu puristisch und die Rechtschreibreform der Untergang der Sprache … Man malt den Teufel an die Wand und vergisst dabei: Das Neue per se ist weder gut noch schlecht. Es kommt nur darauf an, was wir daraus machen. Deshalb ist es falsch, Neues grundsätzlich abzulehnen. Damit macht man sich lächerlich oder schießt sich aus der Zeit – wie Kaiser Wilhelm II., der um die Wende zum 20. Jahrhundert sagte: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“

DAS NEUE PER SE IST WEDER GUT NOCH SCHLECHT. ES KOMMT NUR DARAUF AN, WAS WIR DARAUS MACHEN.

DIE ENTDECKUNG VON NEULAND ALS KRAFTAKT

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und gehen gern auf Nummer sicher. Es tut gut, sich auf Dinge verlassen zu können. Bekanntes beruhigt, aber es kann den Geist auch lähmen. Neue Ideen, neues Denken, neuer Stil – das bedeutet immer: Unbekanntes entdecken. Das ist anstrengend und auch unsicher, weil das Neue unbekanntes Land ist und immer in der Zukunft liegt. Die können wir nur gestalten, wenn wir das Alte annehmen und uns zu den Werten des Vergangenen bekennen. Traditionen pflegen, heißt nicht die Asche anzubeten, sondern das Feuer weiterzugeben, sagte der Komponist Gustav Mahler einmal.

Das Neue ist so wie die ersten Minuten nach Silvester: ein Moment ohne Blick zurück, im wahrsten Sinne des Wortes „rücksichtslos“. Schade nur, dass es utopisch ist, diesen Blick länger als bis Mitte Januar durchzuhalten. Dabei ist es genau das, was wir brauchen: Mehr Visionen und weniger neue Ziele; mehr Utopien und weniger Machbarkeitsstudien; mehr Sehnsucht und weniger neue Wünsche.

Das Neue als das noch nie Dagewesene, Unerhörte zu suchen, ist unsere einzige Möglichkeit zu leben und uns lebendig zu fühlen. „Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollten wir lieben, aber für das Neue sollten wir eigentlich leben.“ Diesen Satz von Theodor Fontane sollten wir ganz oben auf unsere Agenda schreiben oder als Bildschirmschoner in Kurzfassung fixieren: Das Alte lieben, das Neue leben!

Text: Pascal Morché Ausgabe: Character 1

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