Zwischen kommerziell und karitativ

Lernen lohnt sich

Das Chancenwerk für
Kinder und Jugendliche mit Schulproblemen

Die Idee ist einfach: günstige Nachhilfe von Migranten für Migranten. Erfunden hat es Murat Vural. Das war vor zehn Jahren in Castrop-Rauxel. Inzwischen ist aus dem einstigen Integrationsprojekt im Ruhrgebiet ein erfolgreiches bundesweites Bildungsprojekt geworden. Und jetzt legen der Gründer und seine Mitstreiter erst richtig los.

Die Oststraße in Herne. „Klein-Istanbul“ nennen sie dieses Viertel in der Ruhrgebietsstadt. Wegen der vielen Migranten, die hier zu Hause sind. Meist liegen ihre familiären Wurzeln in der Türkei. Sie sprechen schlecht Deutsch und das Geld ist knapp. Der Ausbildungsweg der Kinder, die hier wohnen, ist in vielen Fällen vorgezeichnet, noch ehe sie zum ersten Mal in die Schule gehen. Stationen am Gymnasium oder gar an der Universität kommen darin so gut wie nicht vor. Dafür umso häufiger Aufenthalte an Förderschulen. Noch immer, so sagt Murat Vural, spielt die Herkunft eine entscheidende Rolle für die Schullaufbahn.

Der 38-Jährige kennt die Hürden, vor denen Kinder von Migranten stehen. Vural ist in der Oststraße groß geworden. Als Kind türkischer Einwanderer, zusammen mit drei Geschwistern. Der Vater Bergmann, die Mutter Hausfrau. In einen Kindergarten schickten ihn die Eltern nicht. Erst am Tag der Einschulung merkte er, dass er schlecht Deutsch spricht. Er kämpfte sich durch, ließ sich auch nicht entmutigen, als Lehrer ihn für seinen Wunsch, das Abitur zu machen, belächelten. Kaum hatte er einigermaßen Deutsch gelernt, gingen er und seine Eltern zurück in die Türkei. Er kam aufs Internat und hatte wieder Sprachprobleme – diesmal auf Türkisch. Aber mit 14 Jahren wusste er: Ich will Elektrotechniker werden. Zwei Jahre später kehrten er und seine Eltern zurück nach Deutschland. Und Murat schaffte das Abitur, studierte Elektrotechnik, begann sogar eine Promotion. „Ich fühlte: Wenn ich arbeite, dann packe ich es“, sagt Vural.

„HAST DU ZEIT FÜR MICH, HABE ICH ZEIT FÜR DICH

Er hätte eine Karriere in der Industrie ansteuern können. Oder in der Forschung. Mit seinem Willen und seinem Talent hätte er es dort weit bringen können. Aber der Mann mit den dunklen Locken hat sich anders entschieden: „Ich will helfen, dass jeder, der lernen will, auch die Chance dazu erhält.“ Sensibilisiert für diese Idee hat ihn seine Schwester Serife. Die hatte zunächst Arzthelferin gelernt und sich dann für ein Sozialpädagogikstudium an der Universität eingeschrieben. Irgendwann stellte sie irritiert fest, dass es kaum jemand aus ihrem Umfeld in Kindertagen so weit gebracht hatte wie sie und Murat. „Bruder, wir müssen was tun“, forderte sie ihn auf.

Das ist zehn Jahre her. Die Idee, die Vural damals entwickelte, ist bestechend einfach: Studenten helfen Oberstufenschülern in Mathe, Englisch oder was ihnen sonst Schwierigkeiten bereitet. Als Gegenleistung betreuen die Schüler wiederum jüngere bei den Hausaufgaben und geben ihnen Nachhilfe. „Der Grundsatz ist: Hast du Zeit für mich, habe ich Zeit für dich“, betont Vural. „Lernkaskade“, nennt er sein Modell. Es gleicht einem Schneeballsystem mit Breitenwirkung: Ein Student hilft sechs älteren Schülern, die unterstützen zwölf Schüler aus unteren Klassen. Los ging es 2004 in der Mensa einer Gesamtschule in Castrop-Rauxel, mit einer Handvoll Schülern.

Inzwischen arbeiten bundesweit 35 Schulen mit dem von Vural gegründeten Förderverein Chancenwerk zusammen. Grundschulen, Realschulen, Gesamtschulen und auch Gymnasien. Viele haben ein gemeinsames Merkmal: Sie stehen meistens in Stadtvierteln, die als Problemregion gelten – weil dort der Anteil der Migranten besonders hoch ist oder weil es sich um einen sozialen Brennpunkt handelt.

Nachhilfe ist ein Milliardengeschäft. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung erhalten bundesweit etwa eine Million Schüler regelmäßig Unterstützung bei den Hausaufgaben und der Vorbereitung auf Arbeiten. Bis zu 1,5 Mrd. Euro geben Eltern für die außerschulische Förderung aus. Mehr als 4.000 privatwirtschaftliche Anbieter konkurrieren um Kunden. Dazu kommt ein unübersichtlicher Schwarzmarkt. Meist sind es ältere Schüler oder Studenten, die auf Stundenbasis arbeiten – zur Unterstützung von Kindern, deren Eltern es sich leisten können. Bei Chancenwerk geht es nicht ums Geld. Die Unterstufenschüler zahlen für bis zu 16 Stunden Nachhilfe lediglich zehn Euro pro Monat. Mehr könnten die Väter und Mütter aufgrund ihres oft sehr knappen Budgets auch nicht beisteuern.

UNTERNEHMERISCHE DENKE UND EINE SOZIALE IDEE

Gökhan Özmen war einer der ersten, der von Vural und seinen Mitstreitern Unterstützung erhielt. „Damals war ich zehn, und meine Noten waren alles andere als berauschend“, erzählt der heute 20-jährige Deutschtürke. Vor allem in Mathematik habe er Probleme gehabt. Das besserte sich dank der Hilfe der älteren Schüler. Ein Ereignis hat sich bei Özmen besonders eingebrannt: Die Vorbereitungen für das Abitur standen an, und wieder war es eine Textaufgabe in Mathematik, die er nicht knacken konnte. „Murat aber grinste mich nur an und meinte: ‚Skizziere die Aufgabe doch mal grafisch.‘ Da hat es Klick gemacht.“

Heute leistet Özmen sein freiwilliges soziales Jahr in der Zentrale von Chancenwerk in Castrop-Rauxel. Menschen wie er sind wichtig für den geschäftsführenden Vorsitzenden Vural und seine Mitstreiter. Denn mit seiner Vita ist Özmen ein guter Botschafter für den Förderverein: glaubwürdig, authentisch, ein Vorbild.

Gerade ist Chancenwerk dabei, seine Organisation zu überarbeiten. Sich breiter aufzustellen, Aufgaben neu zu verteilen, weitere Finanzquellen zu erschließen. Vural steht an einer Tafel in seinem Büro und malt Kurven auf, berichtet, welches Pensum sein „Standortentwickler“ zu absolvieren hat und spricht von „Win-win-Situationen“, die Chancenwerk mit Unternehmen schaffen könne. So reden Manager, nicht Sozialromantiker. Möglicherweise ist das gerade der Grund, warum der Verein so erfolgreich ist: Vural weiß unternehmerisches Denken mit einer sozialen Idee zu verbinden. In die Wiege gelegt war ihm das nicht. Aber er ist offen für Ratschläge und will immer dazulernen. Auch von den Beratern von McKinsey, deren Dienste ihm ein Gönner finanziert. „Da habe ich gelernt, mich nicht zu verzetteln und auch einmal eine Wachstumspause einzulegen, um die Organisation für den nächsten Schritt vorzubereiten.“

Der steht jetzt an. In den nächsten fünf Jahren will Chancenwerk etwa 300 Schulen zum Mitmachen bewegen. Das ist ein hartes Stück Arbeit, denn obwohl das Projekt von mehreren Stiftungen unterstützt wird und inzwischen über ein Budget von einer Million Euro verfügt, laufen Vural und seine Mitstreiter bei den Schulen keineswegs offene Türen ein. „Die Schulleiter zu gewinnen, ist nicht immer einfach“, klagt er. Sie hätten wenig Zeit und manchmal auch schlicht kein Interesse, ein solches Projekt an ihrer Lehranstalt zu installieren. „Aber es ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden“, betont der Chancenwerk-Gründer. Vielleicht liegt das daran, dass Vural, seit vier Jahren Träger des Bundesverdienstkreuzes, manchmal von seiner Kindheit in der Herner Oststraße erzählt. Mit Stolz, aber ohne zu prahlen.

VORBILDER SIND WICHTIGER ALS SPRACHE
Drei Fragen an Murat Vural

Haben es Migrantenkinder heute schwerer als vor 20 Jahren, an der Schule erfolgreich zu sein?
Ja, das ist so. In manchen Klassen beträgt der Migrantenanteil 70 Prozent. Das ist eine Situation, auf die viele Lehrer nicht gut genug vorbereitet sind. Viele resignieren und konzentrieren sich auf eine Handvoll Schüler, die gut mitarbeiten. Aber auch von den Eltern kommt weniger Unterstützung als früher.

Warum sind die Eltern weniger engagiert?
Die erste Generation der Migranten hat hart gearbeitet und ihre Kinder gedrängt, etwas zu lernen. Dagegen fühlen sich viele Vertreter der zweiten Generation, zu der auch ich mich rechne, vernachlässigt und benachteiligt. Ihre Botschaft an die Kinder lautet meistens: „Das bringt alles nichts. Ich habe mich bemüht und es nicht geschafft.“ Sie vermitteln ihren Kindern nicht, wie wichtig Bildung ist.

Wie wichtig ist die Kenntnis der deutschen Sprache?
Sprachkenntnisse sind wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Wenn es hier Defizite gibt, so lässt sich das aufholen, wenn der Wille dafür da ist. Viel wichtiger für Kinder sind Vorbilder – Menschen, zu denen sie aufschauen können und die ihnen eine Perspektive für ihr Leben aufzeigen.

Text: Stefan Weber Ausgabe: Character 4

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