Zwischen kommerziell und karitativ

Mit der Kraft des Fußballs

AMANDLA EduFootball

Die junge Hilfsorganisation AMANDLA EduFootball bietet Kindern und Jugendlichen in sozialen Brennpunkten Südafrikas Lebensperspektiven. Das Konzept könnte bald weltweit soziale Gerechtigkeit fördern – und zwar über den Sport.

Wie eine saubere, strahlende zweite Welt liegt der Fußballplatz inmitten eines Meeres graubrauner, ärmlicher Hütten. Ein hoher Zaun trennt Wellblech von makellosem Kunstrasen, Flutlicht von spärlichen Lampen. Der Anblick des „Safe-Hubs“ könnte nicht extremer und gleichzeitig nicht hoffnungsvoller sein. Denn der Zaun soll nicht ausgrenzen, er soll die, die am meisten leiden, fördern und schützen: Kinder und Jugendliche in der Township Kayelitsha am Rande von Kapstadt. Auf dem Gelände des gemeinnützigen Vereins AMANDLA EduFootball können sie für ein paar Stunden am Tag Zuflucht finden vor ihrem harten Alltag – und letztlich ihre eigene Lebensperspektive nachhaltig verbessern.

SPORT STATT GEWALT

Kayelitsha ist eine der größten Townships in Südafrika: Mehr als 400.000 Einwohner leben in meist ärmlichen Verhältnissen, in der Kriminalitätsstatistik für das Western Cape rangiert die Township unter den gefährlichsten Orten. Kinder lernen dort in der Regel zuzuschlagen, nicht zuzuhören. Mit dem Fußballplatz, den die amerikanische CTC Ten Stiftung 2008 auf Vermittlung von AMANDLA-Gründer Florian Zech (28) auf dem verwahrlosten Gelände einer Schule in Kayelitsha errichtete, entstand schnell die Keimzelle der Hilfsorganisation.

Zech und sein Freund Jakob Schlichtig (29) entwickelten das sogenannte „Safe-Hub-Modell“: Auf dem umzäunten Platz mit angrenzendem Seminargebäude und zentraler Zugangskontrolle erleben die Kinder aus dem sozialen Brennpunkt emotionale und physische Sicherheit. Sie werden von geschulten Mitarbeitern – meistens junge Erwachsene aus der unmittelbaren Nachbarschaft – betreut, können an Fußball-Bildungsprogrammen teilnehmen und sich weiterbilden. Die „Youth Leaders“ sind dabei in der Regel selbst ehemalige Bandenmitglieder, die von AMANDLA aufgeklärt und gefördert worden sind.

Die Wirkung ist verblüffend: Mithilfe von Partner-Universitäten kann die Organisation anhand offizieller Daten nachweisen, dass Gewalt und Kriminalität im Einzugsgebiet des Safe-Hubs messbar zurückgehen und dass sich die Schulleistungen der teilnehmenden Mädchen und Jungen signifikant verbessern.

„AMANDLA" KOMMT AUS DEN SPRACHEN XHOSA UND ZULU, BEDEUTET „STÄRKE" UND WURDE ALS FREIHEITSRUF DER ANTI-APARTHEID- BEWEGUNG BEKANNT.

VOM PROJEKT ZUR BEWEGUNG

So entsteht aus dem ersten Projekt allmählich eine Bewegung: Zwar ist Südafrika als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2010 mit enthusiastischen Fußballfans und beeindruckenden Stadien gesegnet, aber für die Jugendarbeit fehlen vor allem in der mehrheitlich schwarzen, armen Bevölkerung die Mittel und Konzepte. Seit 2014 trägt die südafrikanische Regierung deshalb einen Großteil der laufenden Kosten des Safe-Hubs in Kayelitsha. Mit Beteiligung der Oliver Kahn Stiftung und weiteren Partnern ist gerade ein zweiter Safe-Hub-Fußballplatz zwischen den verfeindeten Townships Gugulethu und Manenberg bei Kapstadt entstanden. Der Ex-Nationaltorhüter engagiert sich auch für weitere Projekte in Johannesburg und erstmals in Berlin. Bis 2020 wollen die Partner zehn Safe-Hubs weltweit realisieren. Sie glauben daran, dass die Kraft des Fußballs überall auf der Welt junge Menschen stärken und mit ganzheitlicher Bildung ihr Leben verändern kann.

GUTES TUNABER MIT KÜHLEM KOPF
interview mit Jakob Schlichtig,
Geschäftsführer von AMANDLA EduFootball e. V.

Er ist der Start-up-Unternehmer unter den Helfern: Jakob Schlichtig (29), Co-Gründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins AMANDLA EduFootball, hat in kurzer Zeit gemeinsam mit Florian Zech ein erfolgreiches deutsch-südafrikanisches Entwicklungsprojekt auf die Beine gestellt. Dabei ist er vorgegangen wie bei der Gründung eines normalen Unternehmens. Zu seiner Arbeitsweise passt auch das Gespräch, das CHARACTER mit ihm geführt hat: zeitgemäß und effizient per Internetdienst Skype.

Herr Schlichtig, warum haben Sie sich dazu entschlossen, Ihr Wissen als studierter Betriebswirt ausgerechnet in den Aufbau einer gemeinnützigen Organisation zu investieren?

Als ich meinen langjährigen Freund Florian 2009 in Kapstadt besucht habe und miterleben konnte, wie er mit einer selbst aufgebauten Fußballliga und eigens entwickelten Bildungsprogrammen für die Betreuungseinrichtungen und Waisenhäuser in den Townships die Kinder begeisterte, da hat es mich gepackt. Viele Kinder haben gar kein richtiges Zuhause, sie kommen aus zerrütteten Familien. Wir – beide aus behüteten Verhältnissen im Chiemgau – haben das Feuer gespürt, Dinge zu bewegen. Ich musste nicht lange überlegen, was ich mit meinem Bachelor in BWL anfangen soll.

Passen die Wirtschaftsdenke und die Gemeinnützigkeit zusammen?

Wer Gutes tun will, sollte das mit kühlem Kopf angehen – so wie man es bei der Gründung eines normalen Unternehmens auch macht. Unser Ansatz ist wirtschaftlich fundiert mit dem Zweck, sozialen Wandel voranzutreiben. Ich halte die Professionalisierung unserer sozialen Sparte in Deutschland für dringend notwendig. Vielleicht fühle ich mich auch deshalb nicht allzu wohl im oftmals sehr emotional getriebenen Sozialunternehmerumfeld.

Wie haben Sie das konkret gemacht – ohne großes Netzwerk im Non-Profit- Sektor den Verein AMANDLA in Deutschland und Südafrika zu gründen?

Florian hatte über seine Arbeit in einem Waisenkinderheim in Kayelitsha einen ausgebildeten Streetworker kennengelernt, der unsere Idee sofort unterstützte und die sozialpädagogischen Konzepte mit uns und den jungen Menschen vor Ort ausgearbeitet hat. Schließlich waren wir inhaltlich-pädagogisch komplette Anfänger! Außerdem hat uns ein Anwalt geholfen, eine Non-Profit-Organisation nach südafrikanischem Recht aufzusetzen. Als wir 2010 starteten, haben wir die ersten Spenden in den Aufbau unserer Website und in gute Fotos investiert, also in den Auftritt des Projekts nach außen. Nur so konnten wir die Akquise weiterer Spenden vernünftig betreiben. Parallel haben wir von Anfang an in ein schlagkräftiges Team und die stetige Weiterentwicklung der Bildungsprogramme investiert, um gemeinsam unsere Vision verwirklichen zu können.

Und Sie hatten das Glück, im Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zu starten. Wie haben Sie diesen Aufmerksamkeitsschub für sich genutzt?

Die ersten Unternehmen sind im Vorfeld der WM auf uns aufmerksam geworden. Außerdem habe ich eine Tournee durch deutsche Rotary Clubs gemacht und unsere Idee präsentiert – das war sehr lehrreich für mich, denn viele gestandene Geschäftsleute haben unser Projekt sehr kritisch hinterfragt. Viele der ersten Spenden kamen über unsere persönlichen Kontakte von Privatpersonen, die bis heute mit viel Engagement AMANDLA unterstützen.

WER GUTES TUN WILL, SOLLTE DAS MIT KÜHLEM KOPF ANGEHEN – SO WIE MAN ES BEI DER GRÜNDUNG EINES UNTERNEHMENS MACHT.

Checkliste – Gründung einer Stiftung oder einer gemeinnützigen/mildtätigen Organisation

Der Zweck der Stiftung/Organisation

Nutzen
✔ Fremdnützig Gemeinnützige und/oder mildtätige (gem. §§ 51 ff AO)
✔ Eigennützig Für meine Familie
✔ Teilweise eigennützig/gemeinnützig/mildtätig Doppel-Stiftungs-Lösungen

Form
✔ Operativ oder nur fördernd

Gründungszeitpunkt
✔ Gründung zu Lebzeiten
✔ Gründung vom Todes wegen

Vermögensausstattung

✔ Höhe
✔ Art des Vermögens
Bargeld, Immobilien, Unternehmensanteile etc.

Wahl der Rechtsform

Gründung einer/s
✔ sog. Familienstiftung (ggf. im Ausland)
✔ selbständigen Stiftung des Bürgerlichen Rechts
✔ unselbständigen Stiftung (Treuhandstiftung)
✔ GmbH
✔ AG
✔ Vereins

Allen oben genannten Organisationsformen können Gemeinnützigkeit und ggf. die Mildtätigkeit verliehen werden, unter der Voraussetzung, dass die Zwecke gem. §§ 51 ff. AO (Abgabenordnung) als solche eingestuft werden.

Name und Sitz

✔ Name der Stiftung/Organisation
✔ Sitz der Körperschaft

Organbesetzung

✔ Möchte der Gründer selbst aktiv sein?
✔ Vorstand, Rat, Kuratorium

Gründungsablauf

✔ Entwurf einer Satzung oder eines Gesellschaftsvertrags
✔ Stiftungsgeschäft
✔ Abstimmung der Entwürfe mit zuständiger Behörde
✔ Abstimmung der Entwürfe mit dem Finanzamt
✔ Anerkennung der Gemeinnützigkeit/Mildtätigkeit
✔ Einreichen der Dokumente bei zuständigen Behörden
✔ Einreichen der Dokumente beim Finanzamt:
mit Antrag auf Erteilung der Steuernummer und
der vorläufigen Bescheinigung der Gemeinnützigkeit
✔ Bei Stiftungen:
Nach Anerkennung und Erteilung der vorläufigen Bescheinigung der Gemeinnützigkeit/Mildtätigkeit soll das Stiftungskapital einbezahlt werden.

Den entscheidenden Durchbruch für AMANDLA haben Sie aber anders erreicht. Zum Beispiel mit der Beteiligung der Oliver Kahn Stiftung.

Oliver Kahn hat uns 2013 das erste Mal in Südafrika besucht, um sich persönlich einen Eindruck von den gemeinsamen Projekten zu verschaffen und den direkten Kontakt zu den Kindern und Coaches aufzubauen. Auf Basis der erfolgreichen Zusammenarbeit in Kapstadt und Johannesburg planen wir nun ein gemeinsames Projekt in Berlin. Uns war von Anfang an klar, dass wir die Expertise um uns herum zu verschiedenen Themen vernetzen müssen, um mit unserer Idee erfolgreich zu sein.

Worauf stützen Sie Ihre Arbeit und Ihre Erkenntnisse?

Wir haben früh mit der University of Cape Town und der University of the Western Cape zusammengearbeitet – beide haben großes wissenschaftliches Interesse an sozialen Bewegungen und sogenannten „Grassroots“-Organisationen, die direkt an der Basis arbeiten. Die University of Cape Town beteiligt sich auch aktuell noch an der Forschung und Entwicklung unseres Modells: Wir wollen dem enormen Maß an sozialen Konflikten auf der Welt entgegentreten, weil wir davon ausgehen, dass soziale Grundkonflikte wie Jugendarbeitslosigkeit und -gewalt weltweit ähnlich strukturiert und unsere Lösungen universal anwendbar sind.

Hätten nicht andere Hilfsorganisationen etwas dagegen, wenn sie auf ihren Gebieten durch AMANDLA Konkurrenz bekommen?

Ich bin für Wettbewerb, denn er spornt an, sich zu verbessern. Abgesehen davon sehe ich in der Vernetzung der Stärken einzelner Organisationen die einzige Chance, wirklich global und nachhaltig etwas zu bewegen. In Südafrika arbeiten wir zum Beispiel gerade mit einer Unternehmensberatung an einem Social-Franchising-Konzept für unser soziales Modell. Denn der südafrikanische Fußballverband möchte Talentförderung in Verbindung mit unseren Bildungs- und Sozialprogrammen in Safe-Hubs, also geschützten Fußballplätzen mit Bildungseinrichtung, landesweit in 300 Bezirken einführen. Diese strategische Allianz von einer NGO [Anm. d. Red.: non-governmental organization – Nichtregierungsorganisation] mit einem nationalen Fußballverband ist für uns ein großer Schritt und weltweit einzigartig.

Fußball und Bildung: AMANDLA vermittelt den Kindern Fair Play und damit spielerisch ein positives Wertesystem.

Text: Petra Schäfer Ausgabe: Character 7

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